Auf der Jagd nach einem Gentleman oder wie man faire Rennen fährt

Beim gestrigen Wettkampf in Büchel fuhren einige sehr nette Männer mit mir. Später hätte ich gern noch dem einen oder anderen gedankt, aber spätestens nach dem Duschen hätte ich sie ohnehin nicht mehr erkannt. Ohne Schlamm und Trikots keine Chance. – Schade eigentlich!

Regeln? Erstens: Es ist okay, wenn sich ein Mann in meinen Windschatten hängt, nicht aber, wenn er nicht bereit ist, auch einmal von vorn zu fahren. Wenn das nicht möglich ist, verstehe ich das. Ging mir selbst gestern so, als ich lange im Windschatten einer Dame hing, es aber nicht vorbei geschafft hätte. Aber es ärgert mich, wenn regelmäßig buchstäblich stundenlang mehrere Jungs völlig tiefenentspannt in meinem Windschatten klemmen und mich im Wind leiden lassen. Am besten ist es, wenn sie dann, bspw. wenn ein schnellerer Fahrer von hinten kommt, nicht auf die übrigen achten, wenn sie davon fahren. Mich ausbluten lassen und davon fahren. Das ist nicht die feine Art. Im Idealfall schaut man, ob man nicht den oder die anderen mitnehmen kann (erst recht, wenn es nicht ein unmittelbarer Konkurrent ist). Man zieht das Tempo langsamer an oder kündigt auch einfach an, wenn man etwas schneller fahren möchte.

Zweitens: Auch kann ich nicht nachvollziehen, wenn man als Mann eine Frau nicht im Windschatten haben will: Ist sie doch definitiv keine Konkurrentin (alldieweil an dieser Stelle im Feld ein Mann ohnehin längst nicht mehr um eine Platzierung fährt). Das gleiche gilt bei Herren aus verschiedenen Klassen (sofern das ersichtlich ist).

Drittens: Noch schlimmer jedoch finde ich es, wenn ich blockiert werde: Wenn man mich nicht vorbei lässt irgendwo auf der Strecke. Oder gar im Trail, weil man mich nicht vorbei lassen möchte. Das ärgert mich besonders, es kostet meist wertvolle Zeit und ja, ich erwarte ab einem bestimmten „Blockierfaktor“ durchaus, dass man anhält und mich passieren lässt! Eben, weil es bei uns Frauen immer noch um die Gesamtwertung gehen kann. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn die entsprechende Person an der Spitze unterwegs wäre. Sind sie aber üblicherweise nicht. Aber selbst dann ist die Frage, ob man, wenn man selbst sehr schlecht abfährt, das Recht hat, andere, auch die Konkurrenz, minutenlang zu blockieren. Ich finde das nicht fair. Taktisches Blockieren hat seine Berechtigung, aber auch eine Grenze.

Viertens: An der Verpflegungsstelle ist Entrüstung häufig, weil es doch ohnehin um nichts geht. Warum also stresst diese Frau so, beschwert sich, dass man sie nicht zur Verpflegung oder von ihr weg lässt bzw. wahllos geparkte Räder ihr den Weg versperren? Weil, und ja, ich wiederhole mich hier bewusst, es in ihrem Fall relevant sein kann, wieviel Zeit sie verliert.

Es gibt ähnliche Fälle, wenn eilige Fahrer von Lang- oder Mitteldistanz auf die der Kurzstrecke auffahren (oder umgekehrt, je nach Streckenführung und Zeitplan). Das ist geschlechterunabhängig, klar.

Grundsätzlich: Es ist wichtig, zu schauen, was um einen herum geschieht und wachsam zu sein, auch wenn man selbst es nicht eilig hat. Im Zweifelsfall hilft es, zu kommunizieren, sich abzusprechen. Das ist ohnehin lustiger, auch dann, wenn man kaum mehr Luft hat, als ein paar Silben zwischen zusammenggepressten Zähnen heraus zu husten.

Ich darf doch davon ausgehen, dass jemand, der bei einem Rennen startet, nur um auf den hinteren Rängen zu landen, das aus reiner Spaß am Fahren selbst tut. Warum also keine Allianzen bilden mit anderen Fahrern, sich unterhalten, Spaß miteinander haben und diejenigen unterstützen oder zumindest nicht zu behindern, die es ernst meinen?

Stillschweigend fuhr gestern ein Fahrer nach vorn und ich ihm ebenso stillschweigend hinterher, als ich nicht mehr führen konnte. Zuvor war er lange hinter mir her gefahren. Eine stille Allianz. Schön war das. Simpel und praktisch.

Und als ich später ins Ziel sprintete (wenn man das noch als „Sprint“ bezeichnen kann, wie meine müden Beine versuchten, den dicken Gang zu drücken), die letzten nicht vorhandenen Reserven verschießend, war ein anderer da, der an mir vorbei wollte; und ja, bei ihm ging es um rein gar nichts, längst nicht mehr. Aber er zog mich, vorbei an der Konkurrentin, die dem nichts entgegen setzen konnte oder wollte. Im Kampf gegen ihn, den ich fast unmittelbar sofort verlor, konnte ich noch einmal das Tempo erhöhen, vorbei an Jakub, der mich ein kleines Stück begleitet und bereits beschleunigt hatte.

Rennen fahren, das heißt auch Allianzen schmieden, Abschnitte des Wegs gemeinsam bestreiten, auch ‘mal die Konkurrenz zu ermutigen, zusammen zu halten und zu sehen, wie weit man gemeinsam kommt. Klar trennt man sich wieder, ist man selten bis ins Ziel gemeinsam unterwegs, muss manch einer irgendwo zurück stecken, sich einer langsameren Gruppe anschließen oder sich mit höherem Tempo davon machen. Das gehört ebenfalls dazu.

Nichtsdestotrotz: Es gibt nichts Schöneres, als lachend zu mehreren zu fluchen, wenn die Beine nicht mehr drehen wollen. (Und später in den Duschen den ganzen Dreck endlich los zu werden, den man zuvor auf der Strecke mit Freuden eingesammelt hatte.)

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