Der Morgen danach

Ich bin müde. Der gestrige Tag bestand aus einer Aneinanderreihung von Staus, quer durch Deutschland. Wir sind entspannt geblieben, wiewohl es sehr anstrengend war, haben herumgealbert, gelacht, Musik gehört, uns abgewechselt beim Fahren, zwischendurch versucht zu schlafen. Es begann schon schwierig: Kurz nach der Abreise, genauer gesagt handelte es sich um den direkten Nachbarort, stießen wir auf eine Vollsperrung aufgrund eines Straßenfestes. Die genannte Alternativroute, es dauerte ein wenig, bis wir dort waren, denn diese Strecke bildete bereits einen beträchtlichen Umweg, war jedoch nach einer Weile ebenfalls voll gesperrt: Straße nicht vorhanden. Und  noch eine Umwegstrecke, dieses Mal weit zurück, sehr weit in eine andere Richtung, über aufgefräste Straßen, offenliegende Karkassen, durch kleine Ortschaften bis hin zur eigentlichen Route. Beinahe zwei Stunden Umfahrung, bis es tatsächlich los ging. Wegen eines Straßenfestes in einem Straßendorf ohne Alternativen. Viel schöne Landschaft freilich, tolle Häuser, niedliche Örtchen. Aber Zeitverlust. Und dadurch später dann die Staus, einen nach dem anderen.

Die Tage im Grenzgebiet und in Tschechien waren schön: Das Wetter nur mäßig, doch die Landschaft wieder einmal eindrucksvoll, spektakulär immer aufs Neue. Das Rennen selbst war für mich etwas besonderes, wenn auch nicht im positiven Sinn. Oder vielleicht doch:

Ich konnte am Start nicht mitgehen, war erst nach langer Zeit in einem ordentlichen Rhythmus und hatte dann Mut gefasst, als ich feststellte, dass die anderen Damen um mich herum immer müder wurden, ich aber nicht. Ich war am Berg nicht besonders stark, musste aber in technischen Anstiegen nicht absteigen, in der Ebene mittelmäßig und verlor dadurch jeweils Zeit, in den Abfahrten holte ich jedes Mal deutlich Zeit heraus, Stück für Stück dauerte es länger, bis ich wieder eingeholt wurde bzw. konnte ich müheloser das Tempo halten. Ich war nicht so müde wie ich es erwartet hätte. Das war gut. Die härtesten und technischsten Abfahrten sowie Anstiege kamen noch. Es waren erst etwa zwei Stunden vergangen. Ich war gut dabei.

Dann aber ein Fehler: Eine der wunderbaren, steilen Abfahrten, die ganz schön auf die Beine gehen. Ich muss mich kurz gestreckt haben, war auf jeden Fall nicht angemessen bei der Sache, stürzte schwer: Überschlag, frontal seitlich auf den Kopf, das Bein. Ich schrie wohl sehr, konnte auch nicht gleich aufstehen, winkte dann aber alle weiter, die helfen wollten. Eine ganze Horde Frauen überholte mich in den nächsten Minuten, aber ich brauchte Zeit. Dass der Helm eingedellt war, stellte ich erst später fest. Fand die Brille, die ein paar Meter entfernt lag. Musste noch ein bisschen liegen bleiben. Versuchte, festzustellen, ob ich gefährlich verletzt war. Ich bemerkte, dass mein Bein nicht zu belasten war, dass ich irgendetwas im Gesicht hatte, aber nichts Tragisches wohl. Sonst Schrammen, sicher bald blaue Flecken.

Das Rad sah erst mal gut aus, aber der Lenker schien gebrochen. Gleich darauf stellte ich jedoch fest, dass nur die Karbonummantelung geborsten war, der Alukern darunter nur massiv verbogen. Gerade biegen wollte ich nicht, zu riskant.

Alles tat weh. Ich überlegte: Sanis oder weiter? Dann: Erst mal hier runter und schauen, ob es rollt. Wie es rollt. Ob ich fahren kann. Aufsteigen. Das tat weh, aber ging. Das Einklicken ins Pedal die Hölle: Das Bein wollte nicht. Die Abfahrt schmerzte, ich war sehr langsam, ungelenk. Musste mich schräg auf dem Rad halten wegen des Lenkers: Riserbar rechts, Flatbar links. Sehr gewöhnungsbedürftig. Schaltung, Bremse, Rahmen gut. Das wichtigste.

Dann die Ebene: Ich konnte treten. Der Kopf schien ok. Alles wichtige gut. Also weiter, außerdem Trinken, Essen. Will nicht. Egal! Muss sein. Kurz fror ich, dann ging’s mir zunehmend besser. Die nächste Abfahrt testete ich noch aus, war extrem langsam, verlor weiter extrem viel Zeit. Sie war sehr verblockt, das war nicht leicht, mein Bein litt bei jedem Schlag. Aber auch das wurde besser. Drücken konnte ich ebenfalls nicht mehr, aber konstant fahren ging. Am Berg kam ich ebenfalls besser klar als gedacht, hatte nur Probleme, über Hindernisse zu pedalieren, das mochte das Bein gar nicht. Von daher musste ich dann auch gelegentlich absteigen. Später dann bei einer Stufe, die hätte es nicht ausgehalten, das Bein. Gebrochen war nichts, beschloss ich später, massiv geprellt.

Recht bald überholte ich: Männer, die mich zuvor eingeholt hatten, ein paar Frauen auch. Ich machte mich auf eine deutlich verlängerte Fahrtzeit gefasst und rechnete mit weiteren 2 Stunden. Solange war ich dann tatsächlich noch unterwegs und es war relativ hart. Ging aber andererseits erstaunlich gut. JWD das Ergebnis, ich habe es gestern abend nachgeschaut: Platz 13 bei den Frauen, immerhin noch Platz 4 bei den Seniorinnen I: Es waren einige deutlich jüngere bzw. um einiges ältere Frauen sehr viel schneller unterwegs als ich.

Dann ein Glücksgefühl. Trotz des Migräneanfalls, der später kam. Trotz der Probleme zu laufen. Trotz der vielen Hämatome, die langsam Gestalt gewinnen, den Stauchungen im Nacken, der Boxer-Tätowierung am Auge. Vielleicht auch gerade deswegen: Ich bin durch gefahren. Gar nicht so schlecht. Obwohl ich nicht stark war, auch ohne den dummen Sturz nicht vorn gefahren wäre, kein Traumrennen abgeliefert hätte. Es war gut so.

Glückwunsch an Daniela Storch vom Scott Generation Team, die mir nicht nur mühelos 54 Minuten abgenommen hat, sondern souverän das Rennen (65 km) gewonnen!

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