Der Vortag

Eigentlich wollte ich am Morgen die Vorbelastung fahren, doch es schüttet und schüttet und hört erst gegen Mittag auf. Dann fahre ich das MTB zu meinem Freund und nehme stattdessen das Auto mit, das er mir Gott sei Dank ausleihen kann. Er wiederum macht sich sofort daran, das MTB für Tschechien fertig zu machen. Was für ein Schatz!

Auf dem Rückweg nach Hause, dieses Mal im Auto, beginnt mein Kopf, wilde Gedanken zu spinnen: “Wenig Zeit nur noch!”, “Wie schaffe ich das alles?”, “Essen sollte ich auch noch.”, “Ich hab Kopfweh!”, “Meine Beine sind schwer.”; “Was für eine Schnapsidee!”; “Da hinten wird’s schon wieder finster!”; “Gepackt hab’ ich auch noch nicht so richtig.”, “Ich werd’ um 4 rum aufstehen müssen.”, “Das  mit dem Ausruhen wird heut’ nichts mehr.”,….

Derweil bin ich zuhause, ziehe die Rennradschuhe an (Klamotten trage ich ja schon von der kurzen MTB-Einlage vorhin) und mache mich auf den Weg: Die übliche Vorbelastungsrunde. Dummerweise kommen die dunklen Wolken schneller als gedacht, und ich bin noch nicht mal ganz den Apfelbaumweg oben, fängt es an zu regnen. Langsam, aber große Tropfen, und immer mehr. Bis ich auf der Altenbacher Höhe bin, gießt es in Strömen. Das Gewitter scheint recht nah. Bergab geht es noch, aber kurz vor dem Abzweig bin ich mitten im Unwetter: Zentimeterhoch steht das Wasser auf dem Asphalt, ich sehe kaum noch ‘was. An der Bushaltestelle hat sich eine Horde Rennradler untergestellt. Sie rufen, ich solle kommen. “Danke, ich bin schon nass.”, rufe ich zurück, längst völlig durchnässt; Ich will nicht frieren. Selbstverständlich habe ich umdisponiert, biege statt links nach oben ohne zu zögern nach rechts ab: Nur rasch direkt nach Hause zurück. Am Himmel ist alles schwarz.

Weiter unten wird es aber noch einmal heftiger: Überall Wasser, ich sehe zwischenzeitlich fast nichts mehr, und bin damit nicht allein. Ich muss also aufpassen, weil mir Autos auf meiner Seite entgegen kommen. Die hinter mir fahren allerdings kaum schneller als ich; von daher wenigstens keine Gefahr.

Zuhause erst einmal das Rad ein bisschen abgetrocknet, dann die Schuhe ausgestopft, den Helm (Polster raus genommen) ebenfalls. Hoffen wir, dass bis morgen alles trocken wird. Das wäre wunderbar!

Dann geduscht, kurz gegessen, ins Auto und nach Bensheim gedüst. Der Start-Ziel-Bereich ist schon abgesperrt. Ich werde immer nervöser: Überall Begleitfahrzeuge der Profiteams, Betreuer, Teamfahrer. Teambusse, Wohnmobile, Mechaniker mit Rennmaschinen. Jeder scheint zu wissen was er tut. Profesionalität. Ich mit dem Auto, das nicht einmal mir gehört. Auf dem Parkplatz, der jemandem sonst gehört. Ob es stört, dass er da stehe, fragt mein Nebenmann, der eben aus dem Kombi mit Veloccio-SRAM-Beklebung steigt. “Keine Ahnung, ich bin selbst nicht von hier.”, sage ich, und er lacht, und wir gehen weiter.

Im Hotel soll man die Startnummer holen, habe ich mir gestern glücklicherweise noch sagen lassen, nebst vielen sonstigen Infos, nach denen zu fragen ich nicht einmal auf die Idee gekommen wäre; nicht im entferntesten. Und ja, auch da hatte ich Zweifel, mächtig große, ob die Idee so gut war bzw. die Idee, mich auf die Idee bringen zu lassen, hier zu starten.

Aber egal, ein Abenteuer, warum nicht? Ich habe nichts zu verlieren. Ich gehe also in die Lobby, und finde einen Haufen Menschen vor, und zwei wenig frequentierte Tische mit der Aufschrift: “Startnummernausgabe Männer”, “Startnummernausgabe Frauen”. Am Frauentisch steht jemand; ich warte. Überlege kurz: “Was jetzt?!”, und wühle sicherheitshalber mal nach meiner Lizenz. Die werden sie sicher brauchen. Ich gebe sie dem netten Herrn auf der anderen Seite des Tisches, neben ihm sitzt eine ebenso nette Dame, links am Tisch der, der vor mir dran war. “Ist das ihr erstes Rennen?”, fragt mich der nette Herr, und mir stockt der Atem. “Nein, das zweite.”, sage ich ernst, und merke dann erst, dass es ein Scherz war. Die Frage hatte er gestellt, weil ich vergessen hatte, meine Lizenz auf der Rückseite zu unterschreiben. Meine ernste Antwort wiederum schien die anderen zu überraschen: “Wie, erst das zweite!”, fragte der Mann links überrascht. Ich war froh, dass ich beschäftigt war: Bekam einen Transponder, ein Startnummernkärtchen für’s Sitzrohr, zwei Startnummern für’s Trikot (immerhin die kann ich halbwegs eigenständig anbringen), Kabelbinder, eine Rennzeitung. Ob ich Material hätte, der Mann links könne es mitnehmen. “Nein, nichts.”, sage ich, und der Mann links fragt ungläubig: “Gar nichts dabei? Nicht mal ‘ne Trinkflasche oder so?” Ich komme mir dumm vor, sage nein, ich hätte nichts, was ich mitgeben könnte, aber danke, und gehe. Anscheinend war’s das nämlich.

Puuh, ich bin verdammt aufgeregt, mir ist verdammt warm, ich muss schnell mein Jäckchen ausziehen, bevor ich in’s Auto steige, den ganzen Kram in meiner schicken Handtasche: Transponder, Startnummern, Kabelbinder. Während die Mechaniker weiter werkeln, der eine oder andere Radfahrer weiter vorbei pedaliert, Teamfahrzeuge auf dem überfüllten Parkplatz hin und her manövriert werden, Betreuer geschäftig mit Logo-bestickten-Polohemden durch die Gegend eilen, gehe ich zurück zu meinem nicht legal geparkten Fahrzeug, komme parallel an mit dem Jüngling von Veloccio-SRAM und verlasse vor ihm den Parkplatz.

Ich lenke den Wagen zurück auf dem Weg, den ich gekommen bin, über die Umleitung durch’s Wohngebiet, vorbei an dem Parkplatz, wo ich morgen zu parken gedenke (eine Alternative hab’ ich ebenfalls parat, die passiere ich wenig später), weiter zur Autobahnauffahrt, weiter nach Hause. Ich trinke ein bisschen unterwegs, und knabbere an meiner Waffel. Das mit dem Appetit ist so eine Sache, wenn dieses flaue Gefühl im Magen nicht weichen will, von den steinharten Beinen ganz zu schweigen.

Zuhause angekommen bringe ich den Transponder an, die Startnummer, die – ich habe es ja schon geahnt – in das kleine Eckchen meines Minirahmens natürlich nicht recht passen will. Daran herum zu schneiden habe ich mich dann doch nicht gewagt; vielmehr war ich kreativ mit Schere und Kleber allerlei Kabelbindern, und habe es halbwegs ordentlich hinbekommen, will ich meinen.

Jetzt nur noch Sicherheitsnadeln für die Nummern auf’s Trikot; und die Kombizange für die unzähligen Kabelbinderenden.

Dann nur noch ‘was Essen, immer nur Essen, was Trinken, Flaschen richten, alles in die Tasche schmeißen und kontrollieren, was ich zurecht gelegt habe. Mensch, bin ich spät dran. Mensch, wie soll ich das überleben morgen? Wie soll ich auch nur über die Brücke kommen, gleich am Anfang die, ohne abgehängt zu werden? Und überhaupt, wann fahre ich los, wann fahre ich mich warm, und wie hart, und wie soll ich das nur überleben?

PS: Ich glaube, ich veröffentliche das hier noch nicht. Sicherheitshalber, und weil ich gar keine ermutigenden Kommentare möchte, oder doch, aber eben kein “fishing for compliments”-mäßiges Ding. Ich will euch nur Teil haben lassen an meinem Kopfkino; und den Rest erzähle ich Euch vielleicht später, was auch immer der Rest sein mag….

 

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