Japaner aufgegabelt

Das Wochenende habe ich in weiten Teilen auf dem MTB zugebracht. So zumindest hat es sich angefühlt. Während ich am Samstag fast nur auf Waldwegen sehr gemütlich dahin pedaliert habe, anfangs – nach einer Zufallsbegegnung – in netter Begleitung, später dann alleine, war ich am gestrigen Sonntag mit den üblichen Verdächtigen auf einer schönen, traillastigen Tour unterwegs: Nie zu schnell, aber durchaus fordernd, sowohl bergauf als auch bergab anspruchsvoll. Ich komme bergab gern gelegentlich an meine Grenzen, sehe aber auch Fortschritte und freu’ mich dran.

Tatsächlich erstmals bin ich eine sehr lange und komplett rutschige Treppe gefahren. Treppen haben mir keine Probleme gemacht bisher, aber es ist etwas anders, wenn sie teils eng, teils steil sind, mit Ecken und Windungen, Fußgängergegenverkehr (allesamt freundlich und wir rücksichtsvoll) und eben lang. Mit der Zeit habe ich mich eingefunden und es hat wirklich Spaß gemacht.

Dummerweise musste ich an einer Stelle meine Linie etwas korrigieren: Uns kam ein großer Trupp Japaner entgegen, die begeistert filmten und knipsten, was das Zeug hielt. Ich kam etwas ins Rutschen und um die freundlichen Gesellen mitsamt technischem Behang nicht umzufahren, habe ich mich rechts an eine Mauer entlang gleiten lassen. So habe ich nur genau einen Japaner erwischt. Er hat super reagiert und mich tatsächlich aufgefangen und festgehalten. Und mein Rad wurde mir auch sofort gereicht, dazu gab’s besorgtes Gemurmel und einen beherzten Übersetzer, der sich nach meinem Befinden erkundigte. Ich wiederum war wohlauf und vor allem um meinen “Retter” besorgt; ich hatte schließlich einiges an Schwung gehabt. Ihm schien es allerdings gut zu gehen und die Rolle als Held im Video schien ihn tatsächlich eher zu beglücken. Das war wirklich lustig.

Mein Rad ließ sich nicht so schnell wieder in Schwung bringen: Der Lenker war einmal um die Achse verdreht und man musste erst den Bremshebel lösen, um es drehen zu können. Die Asiaten versuchten dennoch, es auf der Stelle noch zu “reparieren”; ich konnte sie kaum davon abhalten. Es war schon sehr anrührend, muss ich sagen. Nach etwas Überzeugungsarbeit ließen sie sich aber doch davon abhalten; das Rad habe ich also (zu meinem Bedauern) also tragend die restlichen Stufen nach unten befördert und dort mit dem Werkzeug eines der wartenden Kollegen in Ordnung gebracht. Dann ging die schöne Tour weiter: Auf der anderen Seite Heidelbergs den Berg hinauf, Wege und Pfade durch den milden Blätterwald; geniale Trails wieder hinab. Gemeinsames Feierabendbier zum Abschluss. Toll war’s!
Nachmittags dann habe ich meine Familie wie derzeit so oft in der Klinik getroffen. Eine Welt ohne echtes Licht und Farben: Grün und weiß, Vorhänge und Neonröhren. Warntöne, Signallichter, Schläuche. Irgendwo hinter all dem fast schon verborgen die eigentlichen Protagonisten: Menschen. Patienten im Flügelhemd versus Personal im grünen Kittel. Warten, immer warten. Trostlose Warteräume, Gegensprechanlagen, Geduld. Lebenszeichen. Wo ein Händedruck, ein leises Wort, ein Augenaufschlag zu Tränen rühren. Wo Werte und Amplituden auf dem Monitor mir mehr sagen als das Gesicht meines Gegenüber. Wo die Zeit ihren Wert verliert. Manchmal sitze ich Stunden und merke es nicht. Ein andere Mal schaue ich auf die Uhr über der Türe, wo sie immer sind, und es sind erst Minuten vergangen.

Am Abend bin ich müde. Und es war ein guter Tag.

Ein Gedanke zu „Japaner aufgegabelt“

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