Specialized MTB Trilogy 2014

Das Rennen begann mit einem Prolog: Einzelstart alle 30 Sekunden, Trailanteil bei gut 90 %, sehr schwierige Trails, für mich teils nicht fahrbar. Zu meiner Verteidigung: Für fast alle zumindest teilweise nicht fahrbar. Nur um die 10 km, dabei etwa 440 hm. Am Vortag bei strömendem Regen sah all das furchtbar aus. Ich dachte, ich fahre es nicht. Ich dachte, ich trete erstmals ein Rennen nicht an. Am Renntag dann hatte ich überhaupt keine Kraft. So schwach habe ich mich wohl noch nie gefühlt. So unkoordiniert saß ich wohl seit Anfängertage nicht mehr auf dem Rad. So lange kam mir die gute Stunde, die ich letztlich tatsächlich brauchte, noch nie vor auf dem Rad. Aber ich konnte mehr fahren als gedacht. Und ich kam ins Ziel.

Am Folgetag dann war ich sehr müde. Eine sehr lange Etappe stand jedoch ins Haus, die schwierigste außerdem. Weit über 3000 hm auf um die 80 km, Trailanteil wiederum bei um die 80 %, extrem schwierige, extrem steile Stellen. Viel zu laufen für mich, das kannte ich nicht. Nicht laufen, klettern mit Rad, ohne Halt. Nicht einfach. Kaputt schon von Anfang an. Nach 3 Stunden blieb der Puls in der Grundlage, von da ab ging er nicht  mehr hoch, auch auf den folgenden beiden Etappen nicht mehr. Ich war wohl 7 Stunden unterwegs, hatte Krämpfe, im Bein und in der Hand. Wie verrückt, in der Hand! Ich hatte keinen Spaß an diesem Tag, konnte auch einfachere Trails nicht mehr fahren, weil ich nicht klar denken konnte, kaputt war. Ich weinte bei der Verpflegung, bei der Halbzeit war: “Endlich!” einerseits, aber auch: “Wie soll ich den Rest bloß schaffen?!”. Ich war wütend, ich ging viel, weil ich mir nicht mehr trauen konnte. Ich kam an. Ich beschloss, nicht an den folgenden Tag zu denken.

Der Abend war schwierig: Erstmals alles organisieren: Wenig Zeit zum Duschen, Rad säubern, Essen, Massage, alles Richten für den nächsten Tag, herunterfahren, Schlafen. Sehr schlecht schlafen.

Dann Aufstehen, Etappe 2, Tag 3. So kaputt. Aber das geht, du wirst es sehen. Also glaube ich und zieh’ mich an, steig’ auf’s Rad. Die halbe Stunde Weg zum Start eine Qual. Der Start der reine Horror: “Wie überleb’ ich das?!” Der erste Trail endlos, nicht fahrbar: Stau, alle steigen ab, nasse Wurzeln, holprige Stellen schmerzen. Die Beine schmerzen, der Kopf so langsam. Ich schaffe das nicht. Dann Ruhe. Ich will ja ankommen. Ich will genießen. Ich will nicht nur leiden. Langsam werden die Beine locker. Schnell geht nicht, das Herz schlägt langsam, Kraft ist keine da. Also langsam. Dann komme ich eben wieder abends an. Die 2. Etappe außerdem fahrbar, haben alle gesagt. Also fahre ich. Die ersten beiden Abfahrten zögerlich, weil die Beine den Schlägen kaum standhalten wollen. Schreckmoment, als ich über eine vermeintliche Kuppe aus einem Kessel fahren will, im Wald, mich Wanderer rufend aufhalten. Ich merke, dass ich nur rechts aus dem Kessel fahren kann, dass ich links über die Kuppe direkt im Abgrund gelandet wäre. Keine Markierung, keine Warnschilder. “Pass gefälligst auf.”, denke ich und fahre weiter. Langsam kommt der Spaß. Uralte riesige Kopfsteinpflastersteine rütteln mich durch, lange Abfahrt, später auch Anstiege über diese grob behauenen Ungetüme. Ob die Römer die hinterlassen haben? So alt sehen sie aus, so urtümlich. Geniale Abfahrten auf dieser Etappe. Nicht ganz so lang, nicht ganz so viele Höhenmeter. Ich brauche auch ein wenig kürzer, aber nicht viel. Ich bin immer noch unglaublich schwach, kann aber bergauf wie bergab eigentlich alles fahren. Steige nur 1- 2 x ab, weil die Kraft nicht da ist. Komme müde, aber ruhig an am Abend.

Die 3. Etappe dann, der 4. Tag, bin ich gewiss, dass ich es schaffen werde, weiß aber auch, dass ich werde leiden müssen. Lange und hart wird die Etappe, ein paar Abfahrten wirst du laufen müssen, die laufen fast alle, ein oder zwei Stellen für Lebensmüde, wo selbst hartgesottene Endurofahrer großteils zu fuß gehen. Ich fahre sonst alles, aber unglaublich langsam. Trotzdem, Tempo akzeptiert, Rhythmus hat sich gefunden. Ich rolle. Teils so einsam für mich, dass ich denke, ich bin der letzte Mensch. Dass ich fürchte, man habe mich sicherlich in die Irre geleitet und ich werde für immer allein für mich in Polen dahinfahren müssen, niemals das Ziel erreichen. Manchmal muss ich vor Erschöpfung weinen. Das ist seltsam. Nach der letzten Verpflegung liegen die meisten Höhenmeter hinter mir, sind nur noch gut 20 km über machbare Trails zu fahren, teils auch Schotterpisten. Das schaffe ich. Im Ziel darfst Du weinen, sage ich mir. Und da gibt es auch kein Halten mehr. Ich bin so kaputt. Ich weine. Ich bin rechtzeitig für die Massage im Ziel, gehe duschen, genieße auch heute die Massage, die mir Tag für Tag eine unersetzliche Wohltag war.

Da waren noch viel mehr hinter mir als ich mir vorstellen kann, erfahre ich später. Und dass andere ausgestiegen sind. Schon am Prolog waren viele gar nicht angetreten, wurde Name um Name umsonst aufgerufen. 169 Fahrer kamen ins Ziel, 23 nicht. Von insgesamt 16 Frauen kamen 14 ins Ziel, davon 8 vor mir.

Sehr heftig wird es, wenn man die Zeit betrachtet: Der schnellste Mann war knapp 13 Stunden unterwegs, die schnellste Frau hat schon knappe 17 Stunden gebraucht, ich war  beinah’ 24 unterwegs, die langsamste Frau fast 30, der langsamste Fahrer überhaupt ganze 32 Stunden.

Die krassen Varianzen erklären sich erstens aus der Kraft/Ausdauer: Wer stark war, konnte nicht nur die steilen Anstiege und auch flachen Stellen viel, viel schneller fahren, sondern auch überhaupt mehr fahren, kam nach Laufpassagen besser in den Tritt und konnte die extremen Steilrampen fahren, die die übrigen gehen mussten.

Hinzu kam die technische Komponente: Wer exzellent bergab fuhr und auf technischen Passagen bergab, bergauf und im flachen Terrain, derer es viele gab, Tempo machen konnte, sparte sich darüber hinaus noch die teils elendig langen Kletterpassagen und konnte so auf einer einzige Abfahrt bereits viele Minuten gut machen.

 

2 Gedanken zu „Specialized MTB Trilogy 2014“

  1. liebste, das klingt nach so wenig spaß, dass sich die frage aufdrängt: WARUM? also, ich kenn das ja schon von mir selbst, wenn ich mir was in den kopf setze, dann erreiche ich das auch, egal wie … aber für alle anderen klingt es irgendwie immer einfach nur schräg : ) schön, dass du einigermaßen unversehrt heimgekommen bist!

  2. Da hast du recht, es klingt so. War’s aber nicht: Immer wieder schöne Trails zu fahren, tolle Landschaft (ich hätt’ so gern so viele Bilder geschossen!), nette Leute, lecker Essen, ein gutes Gefühl, sich durch zu kämpfen.

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