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Rückblick

Vermeintlich zu früh, war ich letztlich doch nicht rechtzeitig bereit für das Rennen heute früh: Erst konnten wir uns nicht einschreiben, weil die Rede auf der Bühne länger dauerte. Dann musste ich, als ich mich nun wirklich längst hätte warm fahren wollen, doch noch umparken. Dann wiederum mussten die Betreuer viel früher als gedacht, an der Verpflegungsstelle sein, so dass ich statt mich fertig warm zu fahren und das Ganze kurz vor dem Start zu erledigen, wie es geplant gewesen war, meine Trinkflaschen quer durch den dicksten Trubel kutschieren.  Dann wiederum durfte ich feststellen, dass das Feld beinah’ komplett schon aufgestellt war. Also stand ich relativ weit hinten, war nicht wirklich warm gefahren, und angesichts dessen nicht weniger nervös.

Der Start lief dann recht gut: Hohes Tempo teils, immer wieder scharf bremsen, nicht zu hart beschleunigen, ging alles. Am Berg dann wurde anfangs langsam gefahren. Dann aber gab es immer wieder Tempoverschärfungen, und mir war klar, dass das nicht mehr lange gutgehen würde. Am letzten Berg war ich abgehängt. Vor mir eine Bekannte, die sich aber noch einmal ein Stück nach vorn kämpfte. Auf der Abfahrt war ich alleine. Ich dachte, ich sei die letzte, denn hinter mir war niemand. Also alleine nach unten, alleine durch die Ebene. Am Ortseingang endlich fuhr ich einer Student-Racing-Fahrerin auf, und in dem Moment kam von hinten eine ganze Gruppe: Einige von Team Stuttgart, eine von Maxxis Solar, ein paar einzelne Fahrerinnen. Wir sind gekreiselt (inzwischen kann ich es halbwegs), das Ganze war sehr entspannt. Die zweite Runde war für meinen Geschmack sogar viel zu locker: Fahren wir noch ein Rennen?, fragte ich mich teils. Wir waren am Berg wirklich sehr langsam, auf der Abfahrt war plötzlich nur noch die Student-Racing-Fahrerin vor mir und die anderen alle weit hinten. Als es flacher wurde, waren sie aber rasch wieder da. Ich hatte richtig Lust auf die kommenden Runden, weil die 2. eher Erholung gewesen war und ich mich endlich warm fühlte und bereit. Aber bei der Zieldurchfahrt stand der Funktionär mit der roten Flagge und nahm uns aus dem Rennen.

Wir hatten, so ließ ich mir später sagen, keine 10 Minuten auf das Hauptfeld, aber was soll man da machen? Ich hatte nicht damit gerechnet, ehrlich gesagt, teils, weil ich keine Ahnung hatte und habe, wie so etwas abläuft, teils, weil ich keine Notwendigkeit sah. Nach der 3. Runde wurden weitere Gruppen raus genommen, die jeweils 5 und weniger Minuten Rückstand hatten.

Ich war also enttäuscht, und kann die Entscheidung – jetzt mal abgesehen davon, dass es Faktoren geben mag, die ich nicht durchblicke – weiterhin nicht nachvollziehen: Die Herren starteten um 11:00 Uhr, und selbst wenn wir Runde um Runde noch ein wenig langsamer geworden wären, wären wir vorher im Ziel gewesen, bzw. man hätte uns auch nach der 3. Runde noch rausnehmen können, wenn dem so gewesen wäre.

Ich bin dann, um den Autoschlüssel von der mich netterweise (!) Mitbetreuenden zu holen, mit ein paar netten Mädels zur Verpflegungsstelle hoch gekurbelt, gemütlich, habe mich dort noch ein wenig unterhalten, die Durchfahrt von Worrack und Lichtenberg (2 Min. Vorsprung auf die paar wenigen Verfolger, die wiederum hatten deutlich mehr Vorsprung auf ein mickriges Feld von wiederum nur ein paar Fahrerinnen, bevor irgendwann ein etwas größeres Grüppchen kam) bewundert, das “Zuschauen” genossen. Die Zwei sind wirklich schön bergan gefahren.

Später mit einer anderen Fahrerin die Strecke rückwärts ins Tal zurück gerollt, uns unterhalten. Im Ziel dann Chaos: Der Streckenrand voll, denn die Männer wollen wohl alle sehen. Ich kam kaum durch zum Auto, Handy holen, Freund anrufen, Rad verstauen, rasch zurück ohne Rad. Das war ein Fehler: Zwar kam ich in kürzester Frist am Start-Ziel-Bereich vorbei, dann aber zog sich die vermeintlich kurze Startgerade ganz schön, und ich lief eine gefühlte Ewigkeit, bis ich meine übrigen Flaschen in Empfang nehmen konnte und die auf mich Wartenden sich endlich vom Acker machen durften. Ich weiß sehr zu schätzen, dass sie geduldig gewartet hatten!

Wenn ich übrigens gewusst hätte, dass es darauf ankommt, hätte ich gewaltig Tempo gemacht in der 2. Runde. War mir aber, wie schon gesagt, nicht klar. Andererseits verstehe ich jetzt, warum es so wenige Frauen gibt im Rennsport: Ein paar junge Hühner, die eine war eben erst 18 geworden, waren von Sachsen angereist, nur um dann ein halbes Rennen fahren zu dürfen? Sie erzählten mir, dass ihr Team massiven Schwund zu verzeichnen hätten: “Die haben einfach keine Lust mehr.”, erzählten sie mir, und ich konnte es den Betreffenden nicht verdenken.

Denn wenn man die Geschichte weiter denkt, landet man recht schnell bei der Boltezwiebel-Problematik: Diese Mädels aus Sachsen waren der müde Rest einer einst größeren Gruppe. Nur im Idealfall sind die stärksten übrig geblieben, aber darum geht es nicht einmal; sondern vielmehr darum, dass es die breite Masse ist, die neue Fahrer anzieht, und nicht das kleine Topfeld. Wenn ich erstmals auf dem Rad sitze, ist der Weg nach ganz oben sehr weit, der Leistungsunterschied viel zu groß, als dass ich mit einer solchen Fahrerin (ich spreche der Einfachheit halber jetzt mal nur von den Frauen) trainieren gehen könnte. Selbst wenn sie locker rollt, bin ich zu langsam und sie mir bedeutend zu schnell. Das zum Thema “Spitze”. Was die fehlende Breite angeht, liegt die Schwierigkeit darin, wie unwahrscheinlich es ist, dass überhaupt ich auf eine Frau treffe, die Rad fährt. Diejenigen des Teams aus Sachsen, die entweder das Rad komplett an den Nagel gehängt haben oder nur noch für sich fahren, bilden kein Verbindungsglied mehr zum eigentlichen Rennsport.

Wenn ich aber möchte, dass sich das ändert, muss ich dafür sorgen, dass wenigstens ein Großteil derer, die – nicht unbedingt aus Sachsen, sondern aus der gesamten Republik -, dass also das Gros derer, die sich die Mühe machen, an der DM teil zu nehmen, auch ins Ziel kommen darf, dass also die Deutsche Meisterschaft das Leistungsspektrum in seiner ganzen Breite abbilden kann. Selbst wenn ich heute auf Platz 84 der insgesamt 84 gelisteten Fahrerinnen gelandet wäre, hätte ich das Gefühl bekommen, “die DM gefahren zu sein”, Teil des deutschen Rennsports sein zu dürfen, und wäre mit einer anderen Motivation im kommenden Jahr wieder gekommen, andere Wettkämpfe gefahren und hätte vor allem aus vollster Überzeugung andere Leute mitziehen können und ihnen sagen: Komm’ einfach mit; fahr’ einfach ein paar Rennen. Nächtes Jahr kommst dann mit zur DM. Was soll’s, dann hätten wir halt 200 Starterinnen. Fast soviele wie Männer womöglich. Wäre das so tragisch?

Wenn aber es die große Masse gäbe, die wüsste, wie man sich im Feld bewegt, die mit Begeisterung Wettkämpfe bestreitet, ihre Freundinnen begeistert und irgendwann vielleicht auch ihre Kinder und die ihrer Freunde mitbringt, dann müssten das nicht alles Weltklasse-taugliche Athletinnen sein, um den deutschen (Frauen-)Radsport weiter an die Weltspitze heran zu bringen. Wenn ihr versteht, was ich meine? – Und nebenbei hätte der Radsport einen besseren Ruf, mehr Akzeptanz im Volk und Nähe zur Bevölkerung, und eine Menge Leute hätten bedeutend mehr Spaß (sowie, ihr werdet’s kaum glauben, der BDR mehr Geld in der Tasche)…

Langer Rede kurzes persönliches Fazit: Ich hatte Spaß. Ich war nicht überrascht, wie stark einige Fahrerinnen sind, auch nicht, dass viele deutlich stärker sind als ich, aber durchaus, zu sehen, dass ich mit ein paar mehr Rennen in den Beinen, etwas mehr Erfahrung, durchaus mithalten kann bzw. mich gar nicht mal so schlecht mache. Außerdem hatte ich Spaß und mag Straßenrennen irgendwie. Vielleicht werde ich wieder ein paar mehr fahren in Zukunft. Und die Strecke finde ich noch immer schön. Die werde ich im Training gelegentlich mal fahren. – Das auf jeden Fall!

Der Vortag

Eigentlich wollte ich am Morgen die Vorbelastung fahren, doch es schüttet und schüttet und hört erst gegen Mittag auf. Dann fahre ich das MTB zu meinem Freund und nehme stattdessen das Auto mit, das er mir Gott sei Dank ausleihen kann. Er wiederum macht sich sofort daran, das MTB für Tschechien fertig zu machen. Was für ein Schatz!

Auf dem Rückweg nach Hause, dieses Mal im Auto, beginnt mein Kopf, wilde Gedanken zu spinnen: “Wenig Zeit nur noch!”, “Wie schaffe ich das alles?”, “Essen sollte ich auch noch.”, “Ich hab Kopfweh!”, “Meine Beine sind schwer.”; “Was für eine Schnapsidee!”; “Da hinten wird’s schon wieder finster!”; “Gepackt hab’ ich auch noch nicht so richtig.”, “Ich werd’ um 4 rum aufstehen müssen.”, “Das  mit dem Ausruhen wird heut’ nichts mehr.”,….

Derweil bin ich zuhause, ziehe die Rennradschuhe an (Klamotten trage ich ja schon von der kurzen MTB-Einlage vorhin) und mache mich auf den Weg: Die übliche Vorbelastungsrunde. Dummerweise kommen die dunklen Wolken schneller als gedacht, und ich bin noch nicht mal ganz den Apfelbaumweg oben, fängt es an zu regnen. Langsam, aber große Tropfen, und immer mehr. Bis ich auf der Altenbacher Höhe bin, gießt es in Strömen. Das Gewitter scheint recht nah. Bergab geht es noch, aber kurz vor dem Abzweig bin ich mitten im Unwetter: Zentimeterhoch steht das Wasser auf dem Asphalt, ich sehe kaum noch ‘was. An der Bushaltestelle hat sich eine Horde Rennradler untergestellt. Sie rufen, ich solle kommen. “Danke, ich bin schon nass.”, rufe ich zurück, längst völlig durchnässt; Ich will nicht frieren. Selbstverständlich habe ich umdisponiert, biege statt links nach oben ohne zu zögern nach rechts ab: Nur rasch direkt nach Hause zurück. Am Himmel ist alles schwarz.

Weiter unten wird es aber noch einmal heftiger: Überall Wasser, ich sehe zwischenzeitlich fast nichts mehr, und bin damit nicht allein. Ich muss also aufpassen, weil mir Autos auf meiner Seite entgegen kommen. Die hinter mir fahren allerdings kaum schneller als ich; von daher wenigstens keine Gefahr.

Zuhause erst einmal das Rad ein bisschen abgetrocknet, dann die Schuhe ausgestopft, den Helm (Polster raus genommen) ebenfalls. Hoffen wir, dass bis morgen alles trocken wird. Das wäre wunderbar!

Dann geduscht, kurz gegessen, ins Auto und nach Bensheim gedüst. Der Start-Ziel-Bereich ist schon abgesperrt. Ich werde immer nervöser: Überall Begleitfahrzeuge der Profiteams, Betreuer, Teamfahrer. Teambusse, Wohnmobile, Mechaniker mit Rennmaschinen. Jeder scheint zu wissen was er tut. Profesionalität. Ich mit dem Auto, das nicht einmal mir gehört. Auf dem Parkplatz, der jemandem sonst gehört. Ob es stört, dass er da stehe, fragt mein Nebenmann, der eben aus dem Kombi mit Veloccio-SRAM-Beklebung steigt. “Keine Ahnung, ich bin selbst nicht von hier.”, sage ich, und er lacht, und wir gehen weiter.

Im Hotel soll man die Startnummer holen, habe ich mir gestern glücklicherweise noch sagen lassen, nebst vielen sonstigen Infos, nach denen zu fragen ich nicht einmal auf die Idee gekommen wäre; nicht im entferntesten. Und ja, auch da hatte ich Zweifel, mächtig große, ob die Idee so gut war bzw. die Idee, mich auf die Idee bringen zu lassen, hier zu starten.

Aber egal, ein Abenteuer, warum nicht? Ich habe nichts zu verlieren. Ich gehe also in die Lobby, und finde einen Haufen Menschen vor, und zwei wenig frequentierte Tische mit der Aufschrift: “Startnummernausgabe Männer”, “Startnummernausgabe Frauen”. Am Frauentisch steht jemand; ich warte. Überlege kurz: “Was jetzt?!”, und wühle sicherheitshalber mal nach meiner Lizenz. Die werden sie sicher brauchen. Ich gebe sie dem netten Herrn auf der anderen Seite des Tisches, neben ihm sitzt eine ebenso nette Dame, links am Tisch der, der vor mir dran war. “Ist das ihr erstes Rennen?”, fragt mich der nette Herr, und mir stockt der Atem. “Nein, das zweite.”, sage ich ernst, und merke dann erst, dass es ein Scherz war. Die Frage hatte er gestellt, weil ich vergessen hatte, meine Lizenz auf der Rückseite zu unterschreiben. Meine ernste Antwort wiederum schien die anderen zu überraschen: “Wie, erst das zweite!”, fragte der Mann links überrascht. Ich war froh, dass ich beschäftigt war: Bekam einen Transponder, ein Startnummernkärtchen für’s Sitzrohr, zwei Startnummern für’s Trikot (immerhin die kann ich halbwegs eigenständig anbringen), Kabelbinder, eine Rennzeitung. Ob ich Material hätte, der Mann links könne es mitnehmen. “Nein, nichts.”, sage ich, und der Mann links fragt ungläubig: “Gar nichts dabei? Nicht mal ‘ne Trinkflasche oder so?” Ich komme mir dumm vor, sage nein, ich hätte nichts, was ich mitgeben könnte, aber danke, und gehe. Anscheinend war’s das nämlich.

Puuh, ich bin verdammt aufgeregt, mir ist verdammt warm, ich muss schnell mein Jäckchen ausziehen, bevor ich in’s Auto steige, den ganzen Kram in meiner schicken Handtasche: Transponder, Startnummern, Kabelbinder. Während die Mechaniker weiter werkeln, der eine oder andere Radfahrer weiter vorbei pedaliert, Teamfahrzeuge auf dem überfüllten Parkplatz hin und her manövriert werden, Betreuer geschäftig mit Logo-bestickten-Polohemden durch die Gegend eilen, gehe ich zurück zu meinem nicht legal geparkten Fahrzeug, komme parallel an mit dem Jüngling von Veloccio-SRAM und verlasse vor ihm den Parkplatz.

Ich lenke den Wagen zurück auf dem Weg, den ich gekommen bin, über die Umleitung durch’s Wohngebiet, vorbei an dem Parkplatz, wo ich morgen zu parken gedenke (eine Alternative hab’ ich ebenfalls parat, die passiere ich wenig später), weiter zur Autobahnauffahrt, weiter nach Hause. Ich trinke ein bisschen unterwegs, und knabbere an meiner Waffel. Das mit dem Appetit ist so eine Sache, wenn dieses flaue Gefühl im Magen nicht weichen will, von den steinharten Beinen ganz zu schweigen.

Zuhause angekommen bringe ich den Transponder an, die Startnummer, die – ich habe es ja schon geahnt – in das kleine Eckchen meines Minirahmens natürlich nicht recht passen will. Daran herum zu schneiden habe ich mich dann doch nicht gewagt; vielmehr war ich kreativ mit Schere und Kleber allerlei Kabelbindern, und habe es halbwegs ordentlich hinbekommen, will ich meinen.

Jetzt nur noch Sicherheitsnadeln für die Nummern auf’s Trikot; und die Kombizange für die unzähligen Kabelbinderenden.

Dann nur noch ‘was Essen, immer nur Essen, was Trinken, Flaschen richten, alles in die Tasche schmeißen und kontrollieren, was ich zurecht gelegt habe. Mensch, bin ich spät dran. Mensch, wie soll ich das überleben morgen? Wie soll ich auch nur über die Brücke kommen, gleich am Anfang die, ohne abgehängt zu werden? Und überhaupt, wann fahre ich los, wann fahre ich mich warm, und wie hart, und wie soll ich das nur überleben?

PS: Ich glaube, ich veröffentliche das hier noch nicht. Sicherheitshalber, und weil ich gar keine ermutigenden Kommentare möchte, oder doch, aber eben kein “fishing for compliments”-mäßiges Ding. Ich will euch nur Teil haben lassen an meinem Kopfkino; und den Rest erzähle ich Euch vielleicht später, was auch immer der Rest sein mag….