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“Tief einatmen, und upp!”

“Du bist viel stärker als Du denkst.” “Wie lange noch willst Du die richtige Technik lernen?” “Den Spruch höre ich, seit ich Dich kenne.” “Wenn Du nicht endlich mehr Gewicht drauf legst, hast Du keine Chance, sie wirklich zu lernen.”

Mir ist eine gute Ausführung der Übungen wichtig, sehr wichtig. Ich lese viel dazu, lerne immer neu dazu. Und weiß noch immer nicht genug. Das letzte, was ich will, ist langfristige Schäden in Kauf nehmen zu Gunsten kurzfristiger Erfolge. Was nutzt mir das?! Ich verstehe auch nicht, dass Menschen, die ansonsten Experten sind in dem, was sie tun, beim Sport so wenig Ahnung haben und so sehr ins Blinde hinein agieren. Sie wissen mehr über die Musik, die sie im Radio hören als über ihren Körper.

Andererseits haben meine neuen Freunde sehr wohl recht: Ich muss mir etwas zutrauen!

Wie weit unter meinem Potential ich trainiert habe, übrigens trotz stetiger Erfolge, sehe ich, wo ich mal eben 15 kg mehr auflege, und ja, bei sauberer Ausführung. Und 20 kg mehr auflegen kann bei einer anderen Übung. Und trotzdem noch alle Sätze und beinah’ schon wieder das Maximum an Wiederholungen im Parallelgriff durchziehe.

Also erhöhe ich in weiteren Bereichen. Und sehe plötzlich, wo es in der Technik hakt: Je mehr Gewicht, desto klarer wird, wo ich instabil bin, nicht konzentriert, nicht entschlossen genug, wo die Spannung fehlt. Ich lerne kleine Kniffe und erhalte sofort Rückmeldung, wenn ich etwas falsch mache. Weil es dann schlichtweg nicht hinhaut.

Und ein weiterer, sehr bedeutsamer Schritt: Ohne andere komme ich nicht weiter. Ohne die Rückmeldungen derer, die mich von außen sehen, kann ich mich nicht korrigieren, nicht verbessern. Ohne ihre Hilfestellung kann ich nicht an meine persönliche Grenze gehen, ohne ein unnötiges Risiko einzugehen.  Ich bin auf andere angewiesen.

Das ist eine seltsame Erfahrung: Wunderbar und belebend, jedes Training wieder ein Abenteuer. Zugleich beängstigend und herausfordernd. Die anderen sehen, wenn ich etwas falsch mache. Sie achten auf mich. Sie zwingen mich, das Gleiche zu tun. Spiegeln mir, wo ich stehe und wo definitiv nicht.

Ich glaube nicht immer an mich, doch sehr wohl an das, was ich selbst sehen kann: Dass ich mehr kann als gedacht. Viel mehr.

Das übrigens, glaube ich, ist es, was man im Sport für’s Leben lernen kann und sollte.

“Tief einatmen, und upp!”, wenn ich das jetzt höre, dann gehorche ich. Lasse keine Gedanken zu, keine Zweifel, sondern konzentriere mich und gebe mein Bestes. Wie er auch sagt: “Achte nicht auf die Scheiben links und rechts an der Hantelstange. Geh’ einfach hin und mach’ Deine Übung!” Das will ich tun.

 

Zwischen Kraichgau und Krankenhaus

Krankenhaus. Meine Schwester liegt in der Klinik. Milzruptur. Das ist kein Spaß. Ein eigentlich harmloser Sturz mit dem Mountainbike wurde dadurch zu einem folgenschweren, dass das Rad auf ihr gelandet ist. Das war irgendwann letzte Woche. Ich erfuhr erst am kommenden Morgen, dass sie in der Klinik gelandet war.

Doch etwas überrascht nahm ich meine eigene Reaktion darauf wahr: Es gibt einen neuen Modus, auf den ich zurück greifen kann, wenn eine derartige Situation eintrifft. Das ist gut, es ist aber auch erschreckend: Zuviele Monate der Angst haben diesen Modus geschaffen. Ich kann aber immerhin rasch und zweckmäßig agieren. Also alle informiert, Sturm gebetet, mich im Netz informiert; Instruktionen ins Krankenhaus geschickt (meine arme Schwester musste halb zugedröhnt mit Betäubungsmitteln brav tun, wozu ich sie anwies), mit der Krankenkasse gesprochen (der Zweitmeinungs-Service ist eine wertvolle Hilfe!), über meinen Freund einen Bekannten kontaktiert, der selbst Chirurg ist. Neue Informationen in die Klinik geschickt. Ich war erst beruhigt, als klar war, dass sie vorherst nicht operiert wird. Noch einmal lasse ich nicht zu, dass die Kombination aus Hilflosigkeit beim Patienten, Unwissenheit und zu großem Vertrauen bei den Angehörigen und wie auch immer zu begründenden Fehlentscheidungen bei den Ärzten zu einer langwierigen Katastrophe führen. Ich habe gelernt, dass man eigenverantwortlich ist, und schlicht und ergreifend schnell handeln und reagieren muss, auch im Notfall. Es gibt keine Entschuldigung.

Wie man diesem Text entnehmen kann, bin ich durchaus stolz darauf, dass das so gelaufen ist. Auch wenn ich letztlich nichts ändern konnte. Auch wenn dieser neue Modus, wie ich ihn beschrieben hat, auch seine negative Seite hat. – Wir hatten bisher Glück, der Verlauf ist ein positiver, zumindest vorläufig: Erst einmal keine Operation, wie sie anfangs sofort erfolgen sollte. Abwarten. So macht man das heute nämlich. Früher hätte man die Milz einfach kurzerhand entfernt. Aus heutiger Sicht wäre das unklug.

Sie leidet: Fieber, vor allem nachts, die Laken müssen gewechselt werden, so heftig der Schüttelfrost. Sie kann nicht essen; die Schmerzen! Meine tapfere Schwester liegt intensiv, muss das Gepiepse ertragen (in diesem Fall wohl dem, der nicht bei Bewusstsein ist), die Hektik, den spannenden Ausblick auf einen weißen Vorhang rund um ihr Bett. Die Hitze der letzten Tage.

Seit neuestem weiß ich die Vorzüge von WhatsApp enorm zu schätzen, kann morgens um 5 schon Nachrichten schicken und abends noch einmal. Kann immer wenn wir beide verfügbar sind, nachfragen, was gerade los ist.

Kraichgau. Gestern hatte ich aber auch einen sehr schönen Tag: Die RTF in Sulzfeld; ich wollte endlich den Kraichgau, und zwar das wirkliche Hinterland, per Rad erkunden! Eine bisher Unbekannte und ihr Begleiter nahmen mich mit, wir fuhren mit dem Auto. Geplant waren die 113 km.

Der Gedanke, mit dem Rad hin und zurück zu fahren, dann die Langstrecke in Angriff zu nehmen, war verlockend, aber 250 km sollte ich doch nicht fahren momentan, das war mir schon klar… Also verabschiedete ich mich von dem Gedanken und radelte stattdessen frühmorgens zum Treffpunkt in Handschuhsheim, wo mein Rad verladen wurde.

Es sah von Beginn an nach Regen aus, der kam jedoch dann ziemlich unerwartet als es eigentlich gerade wieder aufgeklart hatte, in ungeahnter Heftigkeit. Wir Glücklichen aber hatten gerade die Verpflegung erreicht und konnten sicher und trocken unterstehen, bis der Himmel seine Schleusen wieder geschlossen hatte. Eine Weile auf nassen Straßen unterwegs, war die Angelegenheit bald vergessen. Der Kraichgau war immer auf’s Neue herrlich anzusehen:

Sanfte (später dann weniger sanfte, als die Landschaft etwas ruppiger wurde) Hügel, vielfältiger Feldblumenwuchs entlang der Straßen; kaum Verkehr, reifes Korn auf den Feldern, Erntemaschinen in Aktion, der harsche Wind, über den wir später noch schimpfen sollten, letztlich ein Segen: Keine brütende Hitze über dem Land, vielmehr immer wieder Wolken, dann wieder etwas Sonne, kühle Luft. Angenehm.

Meine Begleitung war gemütlich unterwegs, wir hatten zudem eine Einsteigerin mit dabei. Ich war beeindruckt von ihrem Durchhaltevermögen: Sie war zugegebenermaßen sehr langsam – fuhr keinen Windschatten, bremste bergab, und es ärgert mich etwas, dass man ihr all die Grundlagen nicht beigebracht hat -,  aber unermüdlich, und wirkte dabei immer zufrieden und zuversichtlich.

Ich bin noch immer etwas träge, von den Beinen her; die Intervalle vom Vortag habe ich ebenfalls gespürt. Deutlich mehr als sonst. Aber es tut weh, immer anhalten, warten, rausnehmen zu müssen. Windschatten spenden war wenig hilfreich. Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht; bin im Wind gefahren, habe kleine Fahrtenspiele aller Art eingebaut, dann wieder die Landschaft genossen und gegammelt. Abfahrten einfach runter gerollt oder auch mal einen Berg hoch getrödelt. Dann wieder beschleunigt; immer in Abhängigkeit vom Abstand. Mal mit hoher TF, mal “Schaltverbot”, immer wieder Neustartgefühl: Fertige Beine durch Anhalten, plötzlich rausnehmen. Der 2. Teil war geprägt von heftigem Gegenwind, starken Böen. In der Ferne ging starker Regen runter, aber wir hatten auch hier wieder Glück: Schwül, aber trocken. Obwohl die Schwalben tief flogen.

Die letzten Kilometer wartete ich nicht mehr, gab einfach Gas, was meine müden Beine hergaben. Das war nicht mehr viel, ich kam kaum vom Fleck. Wenn ich bergab nicht voll in die Pedale trat, kam ich praktisch zum Stillstand. Was für ein Wind! Aber ich hatte ihm den Kampf angesagt. “Es kommt nicht darauf an, wie schnell du sonst bist. Wie schnell die anderen sind. Wie langsam du wiederum im Vergleich zu anderen bist.”, sagte ich mir. Ich und der Wind. Mein Mini-Zeitfahren durch die letzte Ortschaft. Doch noch ein paar Anstiege. Im Ziel. Bäh, wie klebrig! Zufrieden.

Am Abend mit einer Bekannten noch Bayram gefeiert: Das Fastenbrechen. Das Zuckerfest für die Kinder. Gegrilltes Fleisch, Salate, Im-Schatten-sitzen, eine munter tobende Kinderschar, nette Bekannte, entspannte Gespräche. Der perfekte Abschluss eines langen Tages.