Schlagwort-Archiv: Gedanken

Perspektive

Ein paar Leute, die ich sehr gern habe, wiegen zuviel. Sie sind dick. Ich mag sie nicht trotzdem. Ich mag sie unabhängig davon.

Sehr viele Leute, die ich kenne – manche mag ich, manche nicht – sind nicht trainiert. Sie haben keine Ausdauer, keinen stabilen Körper, und/oder keine Muskulatur.

Sehr viele Menschen, denen ich Tag für Tag begegne, sind nicht stark, nicht trainiert.

Sie sind häufig schlank, jeder sieht das.
Sie sind häufig nicht fit, ich sehe das.

So könnte ich Euch verurteilen, wie Ihr diejenigen verurteilt, die dick sind. Weil mein Kriterium, was oder wie ein Körper zu sein hat, ein anderes ist als Eures: Ihr seht dicke, ich sehe starke Beine. Ihr seht dünne, ich schwache.

Sehr viele Menschen, die ich sehr gern habe, trainieren zu wenig. Sie sind nicht fit. Ich mag sie nicht trotzdem. Ich mag sie unabhängig davon.

Ein Mensch ist nicht sein Gewicht, nicht seine Muskulatur. Nicht sein Beruf, nicht sein Geld.

Sieh’ genau hin! (Ich versuche das auch zu lernen.)

 

PS: Ich sehe mich nicht als unfehlbar, bin (leider) gewiss kein Vorbild im Nicht(vor)verurteilen von Menschen und mir meiner Unvollkommenheit bewussst. Aber ich möchte es lernen. Mich nicht über andere erheben. Was mir teils sehr schwer fällt, wenn es umgekehrt der Fall ist.

Und der sehr einseite “Figur-Hype”, der allzu häufig nichts mit tatsächlicher Gesundheit und körperlicher Leistungsfähigkeit zu tun hat, geht mir ebenfalls auf die Nerven. Erst recht, wenn ich sehe, zu welch ignoranten Ausblüten er häufig führt.

“Damit hast Du Dich selbst übertroffen!”

Dieses Jahr muss alles besser werden, denken wir, und dass wir mehr trainieren werden, regelmäßiger, härter, besser essen, schneller regenerieren, dass letztlich alles anders werden wird und dann der große Erfolg uns erwartet. Oder so ähnlich.

Oder doch ganz anders? Dass wir ohnehin nichts ändern können, nichts sich bessern wird und erst recht nicht wir schneller werden oder mehr leisten können oder was auch immer sich auch tun sollte?

Sally Bigham ist mir eine dankbare Quelle der Inspiration, was Zitate angeht. Ich kenne sie persönlich nicht, kann von daher auch nicht sagen, ob sie mir sympatisch wäre oder nicht, doch darum geht es auch überhaupt nicht.

Tatsache ist, dass sie im letzten Jahr eine ihrer besten Saisons überhaupt zu verzeichnen hatte und nun wiederum in die Saison startet und nicht weiß, was  sie noch optimieren sollte, um das Ganze toppen zu können, den eigenen immer höheren Zielen und Ansprüchen gerecht werden zu können.

Hier gibt es einen tollen Artikel (englischsprachig) von ihr dazu. Und daraus stammt auch folgendes Zitat von ihr:

“Do what you did last year, but do it better. In other words, don’t change anything, just iron out some of the mistakes. It’s all too easy to look at what others are doing, think they’re doing it better, panic and change your plan, however what works for some people might not work for you. It’s good to look around and get ideas but ultimately stick to what you know works for you and don’t make drastic changes.”

“Tu’ genau das, was Du im letzten Jahr getan hast, aber mach’ es besser. Mit anderen Worten, verändere nichts und merze stattdessen ein paar der Fehler aus, die Du gemacht hast. Allzu leicht schaut man nur darauf, was andere tun, denkt, sie täten es besser, gerät in Panik und ändert die eigenen Pläne. Doch was für manch anderen funktioniert, muss nicht unbedingt auch für Dich das richtige sein. Es ist eine gute Sache, sich umzusehen und Dir Inspiration zu holen, aber letztendlich solltest Du bei dem bleiben, was sich für Dich bewährt hat und keine drastischen Veränderungen vornehmen.”

Ich denke, dass hier sehr viel drin steckt: Die wenig zielbringenden Vergleiche mit anderen, der Fokus auf dem, was sich in der Vergangenheit bewährt hat, der Wunsch, “das Gute zu behalten” und nicht immer und immer wieder alles umzuschmeißen auf der Jagd nach dem heiligen Gral des ulitmativen Erfolgskonzeptes. Es geht um Wertschätzung und Bewahrung der eigenen Erfahrungen, des “Knowhows”, das man sich schließlich hart erarbeitet hat.

Ich muss an die Leute denken, die regelmäßig all ihre Möbel auf den Sperrmüll werfen, nur um sie durch das Neueste und Modernste zu ersetzen, ungeachtet der Qualität oder auch Zweckmäßigkeit dessen, was sie sich da anschaffen. Und so findet man in vielen Wohnungen Mustereinrichtungen vor, die aussehen, als seien sie einem beliebigen Prospekt eines Möbelhauses entsprungen: Die Bewohner finden sich darin nicht wieder, sie sind austauschbar.

Darin muss ich mich selbst auch immer wieder ermahnen: Was nutzt mir der Radsport, das Training, letztlich auch der mögliche Erfolg (im kleinen Rahmen), wenn ich mich nicht selbst darin wieder finden kann?

Das bedeutet: Mein Tempo im Training, mein Belastungsniveau, meine persönlichen Ziele für die Wettkämpfe, meine individuelle Regenerationszeit, meinen ganz eigenen Maßstab für Erfolg.

Compare yourself to others....

“Die einzige Person, die Du versuchen solltest zu übertreffen, ist Dein gestriges Ich.”