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Regen im Schwarzwald

Der Vorteil an so einem zeitigen Samstagmorgen ist, dass ich in Ruhe hier sitzen darf, meinen Kaffee und parallel dazu eine Tasse Tee trinken, und wach werden. Allerdings muss ich doch bald weg, habe einiges vor heute. Ich bin ja umgezogen und lebe nicht mehr ganz so neuerdings im Schwarzwald, dort, wo gerade der Wind um’s Haus pfeift und es schon seit Wochen zeitweise ziemlich kalt geworden ist.
Das Fahrrad steht buchstäblich in der Ecke, weil ich nur wenige Wochenenden überhaupt frei habe und es bisher genau da nicht geklappt hat.

Untätig bin ich aber keinesfalls: Ich habe mir ein in Deutschland sicherlich ungewöhnliches Studio gesucht, wo ich zu festen Terminen unter Aufsicht meine eigenen Übungen machen und wir dann im Anschluss noch jeweils verschiedenste Zirkeltrainings absolvieren. Gestern haben wir eine Boxjump-challenge veranstaltet, man musste also jeweils eine feste Zeit lang auf verschieden hohe Hindernisse springen, um dann wieder soundsoviel Sekunden zu pausieren (sie wurden gefühlt rasch sehr viel kürzer), dann kam das nächsthöhere Hindernis für den gleichen Zeitraum an die Reihe, bis zum höchsten, von wo aus man das niedrigste ansteuern durfte. Bei solchen Übungen wird ebenfalls unsere Technik überwacht und notfalls korrigiert.

Für mich hat das einige Vorteile: Ich kann (außer an Seminarwochenenden) 3x pro Woche sowohl Kraft (Langhantel) als auch Ausdauer trainieren, arbeite dabei hart an meiner Technik und lerne neue Übungen kennen. Weil immer erfahrener Trainer (kein üblicher Studiotyp also) dabei ist, kann ich jedes Mal an der Ausführung feilen und er sagt mir auch, wenn ich mehr Gewicht auflegen oder aber mir an diesem speziellen Tag  auch mal weniger zumuten soll. Allerdings bedeutet das auch, dass ich an jedem Trainingstag aufs Neue herausgefordert bin. Gestern beispielsweise, wo ich eigentlich stolz war, mit neuem maximalen Gewicht (knapp an meinem persönlichen Rekord vom letzten Jahr) Kreuzheben zu machen, musste direkt im Anschluss eine Technikübung für den Start der Zugphase einlegen, die mich wirklich fertig gemacht hat. Aber sie wahr wirklich lehrreich und ich werde sie in Zukunft – bei aller Qual – häufiger einfügen. Ach, und da ist da noch der Trupp an liebenswerten Chaotinnen und Chaoten, oder auch Nichtchaoten, denen ich mich damit angeschlossen habe und die zu sehen ich mich jedes Mal freuen darf.

Ich pendle weiter mit dem Rad zur Arbeit, aber nicht an einem Großteil derTrainingstage, wo ich direkt nach der Arbeit sehr rasch ein paar Ortschaften weiter sein muss.

Ja, ich vermisse das Radfahren sehr! Nach einer ersten Serie von Seminarwochenenden, Besuchswochenende (da war ich aber wandern hier oben, und das war wunderschön und ebenfalls durchaus anspruchsvoll), dazu mehreren Dauerregen- und Arbeitswochenenden weiß ich, dass ich im Winter tatsächlich nicht auf’s Radtraining bauen darf, nicht in meiner Situation.

Das Radfahren aber vermisse ich nicht nur, ich habe es auch gewiss nicht an den Nagel gehängt! Es ist eher das Gegenteil der Fall: Ich weiß inzwischen, wie gut es mir tut, freue mich auf jede Gelegenheit, endlich mehr von der Gegend zu sehen, bin auch schon am Kontakte knüpfen, um hier Anschluss zu finden.

Ich freue mich außerdem auf den ersten Schnee (angeblich könnte es dieses Wochenende schon soweit sein), denn dann kann ich das Skilanglaufen wieder anfangen! Und: Es gibt in der Region so genannte Nachtloipen, wo man theoretisch auch unter der Woche am Abend noch ein paar Runden absolvieren kann.

Und wenn die Tage länger werden, bin ich die erste, die wieder mehr auf dem Rad sitzt. Ich werde fit sein, fitter denn je, auch deshalb, weil ich meine Arbeit zwar sehr gerne mache (der lange harte Weg ist offenbar durchaus der richtige für mich), aber sie nicht selten keine einfache ist, und der Ausgleich, das Draußensein in der Natur, das bewusste Aktiv-und-bei-sich-sein von unschätzbarem Wert, um nicht selbst krank zu werden.

Ihr werdet nicht glauben, wieviel Leid hinter allzuvielen ganz normalen Gesichtern versteckt ist. Doch ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Potential, wieviel Kraft und Ressourcen auch die vermeintlich Kränksten immer wieder mitbringen.

Euch einen wunderschönen Tag! Ganz gleich, wie das Wetter wird, genießt ihn!

“Tief einatmen, und upp!”

“Du bist viel stärker als Du denkst.” “Wie lange noch willst Du die richtige Technik lernen?” “Den Spruch höre ich, seit ich Dich kenne.” “Wenn Du nicht endlich mehr Gewicht drauf legst, hast Du keine Chance, sie wirklich zu lernen.”

Mir ist eine gute Ausführung der Übungen wichtig, sehr wichtig. Ich lese viel dazu, lerne immer neu dazu. Und weiß noch immer nicht genug. Das letzte, was ich will, ist langfristige Schäden in Kauf nehmen zu Gunsten kurzfristiger Erfolge. Was nutzt mir das?! Ich verstehe auch nicht, dass Menschen, die ansonsten Experten sind in dem, was sie tun, beim Sport so wenig Ahnung haben und so sehr ins Blinde hinein agieren. Sie wissen mehr über die Musik, die sie im Radio hören als über ihren Körper.

Andererseits haben meine neuen Freunde sehr wohl recht: Ich muss mir etwas zutrauen!

Wie weit unter meinem Potential ich trainiert habe, übrigens trotz stetiger Erfolge, sehe ich, wo ich mal eben 15 kg mehr auflege, und ja, bei sauberer Ausführung. Und 20 kg mehr auflegen kann bei einer anderen Übung. Und trotzdem noch alle Sätze und beinah’ schon wieder das Maximum an Wiederholungen im Parallelgriff durchziehe.

Also erhöhe ich in weiteren Bereichen. Und sehe plötzlich, wo es in der Technik hakt: Je mehr Gewicht, desto klarer wird, wo ich instabil bin, nicht konzentriert, nicht entschlossen genug, wo die Spannung fehlt. Ich lerne kleine Kniffe und erhalte sofort Rückmeldung, wenn ich etwas falsch mache. Weil es dann schlichtweg nicht hinhaut.

Und ein weiterer, sehr bedeutsamer Schritt: Ohne andere komme ich nicht weiter. Ohne die Rückmeldungen derer, die mich von außen sehen, kann ich mich nicht korrigieren, nicht verbessern. Ohne ihre Hilfestellung kann ich nicht an meine persönliche Grenze gehen, ohne ein unnötiges Risiko einzugehen.  Ich bin auf andere angewiesen.

Das ist eine seltsame Erfahrung: Wunderbar und belebend, jedes Training wieder ein Abenteuer. Zugleich beängstigend und herausfordernd. Die anderen sehen, wenn ich etwas falsch mache. Sie achten auf mich. Sie zwingen mich, das Gleiche zu tun. Spiegeln mir, wo ich stehe und wo definitiv nicht.

Ich glaube nicht immer an mich, doch sehr wohl an das, was ich selbst sehen kann: Dass ich mehr kann als gedacht. Viel mehr.

Das übrigens, glaube ich, ist es, was man im Sport für’s Leben lernen kann und sollte.

“Tief einatmen, und upp!”, wenn ich das jetzt höre, dann gehorche ich. Lasse keine Gedanken zu, keine Zweifel, sondern konzentriere mich und gebe mein Bestes. Wie er auch sagt: “Achte nicht auf die Scheiben links und rechts an der Hantelstange. Geh’ einfach hin und mach’ Deine Übung!” Das will ich tun.