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Großer Preis von Ladenburg

Das Rennen war von Beginn an furchtbar. Jetzt verstehe ich, was es heißt, wenn sie immer schreiben “Ich habe einfach nicht ins Rennen hinein gefunden.”, denn so erging es mir gestern: Beim Warmfahren ging es mir schon schlecht: Ich war schwach, fühlte mich erschöpft, kam nicht auf Touren. Am Start kam ich nicht gleich in die Pedale, hatte zudem Probleme schon vom ersten Antritt an: Keine Kraft. Keine Konzentration. Ich habe sofort gemerkt, dass ich unkoordiniert bin, bin gefahren wie ein Anfänger, der keinen Windschatten suchen kann, hatte gefühlt auch keinen Windschatten. War sofort fast ganz hinten und da blieb ich. Schon nach der 1. Runde kam der Durst, ein furchtbarer Durst: Mein Mund schien mit Kleber gefüllt zu sein. Wofür nur hatte ich soviel getrunken im Vorfeld?! Sehr schnell war mir übel und mir war klar, dass das nicht besser werden würde. Ich schwitzte übermäßig, selbst bei der Hitze. Habe es noch versucht und bin mit einem anderen weiter gefahren, dem es offenbar ähnlich ging. Aber er war so schwach, dass ich kaum Gelegenheit hatte, mich zu erholen, und selbst als das Feld von hinten kam (die Runde war ja nur 1 km lang) und uns einholte, konnte ich nicht dran bleiben. Also gab ich auf.

Danach schwitzte ich wie in der Sauna, fror dann wiederum ewig nach, so dass ich bei weit über 30 ° zitternd da saß. Heute habe ich müde Beine, fühle mich erschöpft. Und ich bin schon enttäuscht, weil ich für meinen Verein fahren wollte und das Rennen zumindest überstehen. Dass es so schlecht laufen würde, hätte ich dann offenbar doch nicht erwartet.

Eigentlich will ich morgen gar nicht fahren: Bellheim. Das Vertrauen ist irgendwie gerade nicht so ganz da, denn das Ganze fühlt sich – trotz der Temperaturen – nicht so an wie es soll. Und ich habe das Startgeld nicht rechtzeitig überwiesen und werde die üblichen horrenden Nachmeldegebühren zahlen müssen. Aber der Start wird morgen zeitig statt finden: Um 08:40 Uhr dürfte es noch relativ erträglich sein. Wir werden sehen.

Im Dunkel

Ganz so habe ich mir den Sommer dann doch nicht vorgestellt: Ich sitze hauptsächlich im Dunkeln, was für die Stimmung nicht unbedingt optimal ist. Doch ich muss am Schreibtisch arbeiten, bei den Temperaturen natürlich bei herunter gelassenen Rolläden: Nachts Durchzug, tagsüber gestrichelte Lichtpunkte in der Wohnung.

Die letzten Wochen waren radfahrtechnisch nicht ganz optimal; ich war häufig müde und nicht so recht mit dem Herzen bei der Sache. Heute abend jedoch soll ich theoretisch fit sein: “Unser” Kriterium steht an, und in diesem Jahr muss ich da wohl wirklich mitfahren und habe bei den Senioren gemeldet (so macht frau das, wenn’s kein eigenes Damenrennen gibt). Mein erst drittes Straßenrennen dieses Jahr, veranstaltet von meinem Verein, dem RSC Ladenburg. Es gibt ein Jedermannrennen (für Fahrer, die keine Lizenz gelöst haben), sowie ein “Fette-Reifen-Rennen” für Kinder und Jugendliche, ein C-Klasse-Rennen (das ist die Herren-Lizenzklasse) und ein gemeinsames für Senioren 2 und 3, wo auch wir Frauen mitfahren werden. Erstmals fahre ich, während außenherum sicher ein paar Leute stehen werden, die mich kennen. Also hoffen wir mal, dass ich nicht abgehängt werde.  – Wir sehen uns um sieben in Ladenburg.

Rückblick

Vermeintlich zu früh, war ich letztlich doch nicht rechtzeitig bereit für das Rennen heute früh: Erst konnten wir uns nicht einschreiben, weil die Rede auf der Bühne länger dauerte. Dann musste ich, als ich mich nun wirklich längst hätte warm fahren wollen, doch noch umparken. Dann wiederum mussten die Betreuer viel früher als gedacht, an der Verpflegungsstelle sein, so dass ich statt mich fertig warm zu fahren und das Ganze kurz vor dem Start zu erledigen, wie es geplant gewesen war, meine Trinkflaschen quer durch den dicksten Trubel kutschieren.  Dann wiederum durfte ich feststellen, dass das Feld beinah’ komplett schon aufgestellt war. Also stand ich relativ weit hinten, war nicht wirklich warm gefahren, und angesichts dessen nicht weniger nervös.

Der Start lief dann recht gut: Hohes Tempo teils, immer wieder scharf bremsen, nicht zu hart beschleunigen, ging alles. Am Berg dann wurde anfangs langsam gefahren. Dann aber gab es immer wieder Tempoverschärfungen, und mir war klar, dass das nicht mehr lange gutgehen würde. Am letzten Berg war ich abgehängt. Vor mir eine Bekannte, die sich aber noch einmal ein Stück nach vorn kämpfte. Auf der Abfahrt war ich alleine. Ich dachte, ich sei die letzte, denn hinter mir war niemand. Also alleine nach unten, alleine durch die Ebene. Am Ortseingang endlich fuhr ich einer Student-Racing-Fahrerin auf, und in dem Moment kam von hinten eine ganze Gruppe: Einige von Team Stuttgart, eine von Maxxis Solar, ein paar einzelne Fahrerinnen. Wir sind gekreiselt (inzwischen kann ich es halbwegs), das Ganze war sehr entspannt. Die zweite Runde war für meinen Geschmack sogar viel zu locker: Fahren wir noch ein Rennen?, fragte ich mich teils. Wir waren am Berg wirklich sehr langsam, auf der Abfahrt war plötzlich nur noch die Student-Racing-Fahrerin vor mir und die anderen alle weit hinten. Als es flacher wurde, waren sie aber rasch wieder da. Ich hatte richtig Lust auf die kommenden Runden, weil die 2. eher Erholung gewesen war und ich mich endlich warm fühlte und bereit. Aber bei der Zieldurchfahrt stand der Funktionär mit der roten Flagge und nahm uns aus dem Rennen.

Wir hatten, so ließ ich mir später sagen, keine 10 Minuten auf das Hauptfeld, aber was soll man da machen? Ich hatte nicht damit gerechnet, ehrlich gesagt, teils, weil ich keine Ahnung hatte und habe, wie so etwas abläuft, teils, weil ich keine Notwendigkeit sah. Nach der 3. Runde wurden weitere Gruppen raus genommen, die jeweils 5 und weniger Minuten Rückstand hatten.

Ich war also enttäuscht, und kann die Entscheidung – jetzt mal abgesehen davon, dass es Faktoren geben mag, die ich nicht durchblicke – weiterhin nicht nachvollziehen: Die Herren starteten um 11:00 Uhr, und selbst wenn wir Runde um Runde noch ein wenig langsamer geworden wären, wären wir vorher im Ziel gewesen, bzw. man hätte uns auch nach der 3. Runde noch rausnehmen können, wenn dem so gewesen wäre.

Ich bin dann, um den Autoschlüssel von der mich netterweise (!) Mitbetreuenden zu holen, mit ein paar netten Mädels zur Verpflegungsstelle hoch gekurbelt, gemütlich, habe mich dort noch ein wenig unterhalten, die Durchfahrt von Worrack und Lichtenberg (2 Min. Vorsprung auf die paar wenigen Verfolger, die wiederum hatten deutlich mehr Vorsprung auf ein mickriges Feld von wiederum nur ein paar Fahrerinnen, bevor irgendwann ein etwas größeres Grüppchen kam) bewundert, das “Zuschauen” genossen. Die Zwei sind wirklich schön bergan gefahren.

Später mit einer anderen Fahrerin die Strecke rückwärts ins Tal zurück gerollt, uns unterhalten. Im Ziel dann Chaos: Der Streckenrand voll, denn die Männer wollen wohl alle sehen. Ich kam kaum durch zum Auto, Handy holen, Freund anrufen, Rad verstauen, rasch zurück ohne Rad. Das war ein Fehler: Zwar kam ich in kürzester Frist am Start-Ziel-Bereich vorbei, dann aber zog sich die vermeintlich kurze Startgerade ganz schön, und ich lief eine gefühlte Ewigkeit, bis ich meine übrigen Flaschen in Empfang nehmen konnte und die auf mich Wartenden sich endlich vom Acker machen durften. Ich weiß sehr zu schätzen, dass sie geduldig gewartet hatten!

Wenn ich übrigens gewusst hätte, dass es darauf ankommt, hätte ich gewaltig Tempo gemacht in der 2. Runde. War mir aber, wie schon gesagt, nicht klar. Andererseits verstehe ich jetzt, warum es so wenige Frauen gibt im Rennsport: Ein paar junge Hühner, die eine war eben erst 18 geworden, waren von Sachsen angereist, nur um dann ein halbes Rennen fahren zu dürfen? Sie erzählten mir, dass ihr Team massiven Schwund zu verzeichnen hätten: “Die haben einfach keine Lust mehr.”, erzählten sie mir, und ich konnte es den Betreffenden nicht verdenken.

Denn wenn man die Geschichte weiter denkt, landet man recht schnell bei der Boltezwiebel-Problematik: Diese Mädels aus Sachsen waren der müde Rest einer einst größeren Gruppe. Nur im Idealfall sind die stärksten übrig geblieben, aber darum geht es nicht einmal; sondern vielmehr darum, dass es die breite Masse ist, die neue Fahrer anzieht, und nicht das kleine Topfeld. Wenn ich erstmals auf dem Rad sitze, ist der Weg nach ganz oben sehr weit, der Leistungsunterschied viel zu groß, als dass ich mit einer solchen Fahrerin (ich spreche der Einfachheit halber jetzt mal nur von den Frauen) trainieren gehen könnte. Selbst wenn sie locker rollt, bin ich zu langsam und sie mir bedeutend zu schnell. Das zum Thema “Spitze”. Was die fehlende Breite angeht, liegt die Schwierigkeit darin, wie unwahrscheinlich es ist, dass überhaupt ich auf eine Frau treffe, die Rad fährt. Diejenigen des Teams aus Sachsen, die entweder das Rad komplett an den Nagel gehängt haben oder nur noch für sich fahren, bilden kein Verbindungsglied mehr zum eigentlichen Rennsport.

Wenn ich aber möchte, dass sich das ändert, muss ich dafür sorgen, dass wenigstens ein Großteil derer, die – nicht unbedingt aus Sachsen, sondern aus der gesamten Republik -, dass also das Gros derer, die sich die Mühe machen, an der DM teil zu nehmen, auch ins Ziel kommen darf, dass also die Deutsche Meisterschaft das Leistungsspektrum in seiner ganzen Breite abbilden kann. Selbst wenn ich heute auf Platz 84 der insgesamt 84 gelisteten Fahrerinnen gelandet wäre, hätte ich das Gefühl bekommen, “die DM gefahren zu sein”, Teil des deutschen Rennsports sein zu dürfen, und wäre mit einer anderen Motivation im kommenden Jahr wieder gekommen, andere Wettkämpfe gefahren und hätte vor allem aus vollster Überzeugung andere Leute mitziehen können und ihnen sagen: Komm’ einfach mit; fahr’ einfach ein paar Rennen. Nächtes Jahr kommst dann mit zur DM. Was soll’s, dann hätten wir halt 200 Starterinnen. Fast soviele wie Männer womöglich. Wäre das so tragisch?

Wenn aber es die große Masse gäbe, die wüsste, wie man sich im Feld bewegt, die mit Begeisterung Wettkämpfe bestreitet, ihre Freundinnen begeistert und irgendwann vielleicht auch ihre Kinder und die ihrer Freunde mitbringt, dann müssten das nicht alles Weltklasse-taugliche Athletinnen sein, um den deutschen (Frauen-)Radsport weiter an die Weltspitze heran zu bringen. Wenn ihr versteht, was ich meine? – Und nebenbei hätte der Radsport einen besseren Ruf, mehr Akzeptanz im Volk und Nähe zur Bevölkerung, und eine Menge Leute hätten bedeutend mehr Spaß (sowie, ihr werdet’s kaum glauben, der BDR mehr Geld in der Tasche)…

Langer Rede kurzes persönliches Fazit: Ich hatte Spaß. Ich war nicht überrascht, wie stark einige Fahrerinnen sind, auch nicht, dass viele deutlich stärker sind als ich, aber durchaus, zu sehen, dass ich mit ein paar mehr Rennen in den Beinen, etwas mehr Erfahrung, durchaus mithalten kann bzw. mich gar nicht mal so schlecht mache. Außerdem hatte ich Spaß und mag Straßenrennen irgendwie. Vielleicht werde ich wieder ein paar mehr fahren in Zukunft. Und die Strecke finde ich noch immer schön. Die werde ich im Training gelegentlich mal fahren. – Das auf jeden Fall!