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Ernsthafte Vorbereitungen & Zweifel

Gestern hatte ich einen schlechten Tag, einen richtig schlechten Tag. Wir hatten Intervalle im Gelände auf dem Plan, kurz und hart, aber es fing schon damit an, dass ich mich auf dem Rad nicht wohlfühlen wollte: Alles fühlte sich falsch an. Wir fuhren uns ein, und ich hatte Zweifel, ob ich auch nur eine einzige Vollgassequenz würde fahren können. Am Traileinstieg war ein Auto geparkt, und ich hatte Zweifel, ob ich da vorbei kommen würde.

Ich kam vorbei, ich fuhr das erste Intervall, das zweite ging auch noch. Beim dritten habe ich wohl überzogen, denn es ging recht technisch zu, ich war am Kotzen und bekam Panik, als ich an einer Stelle durchrutschte, alles Vertrauen auf der Stelle verlor und in der Folge vom Rad musste: Verzweiflung!

Mir ist klar, dass das ziemlich überspitzt klingt und unangemessen, doch ich war tatsächlich voll und ganz verzweifelt, außer mir, dachte an das bevorstehende Rennen, dass ich “nicht mal richtig auf dem Rad sitzen kann”, “nicht mal solch ein kurzes Intervall ordentlich fahren”, “hier rumstehe und rumheule wie ein Anfänger”.

Gott sei Dank war ich nicht alleine und habe in meinem geliebten Freund auch einen duldsamen und verständnisvollen Trainingspartner. Er sagt nicht viel, beruhigt mich mit wenigen Worten, steigt dann auf und fährt langsam weiter, hat mich im Blick, aber lässt sich nicht beirren.

Ich fuhr weiter, weitere Intervalle folgten, nicht besonders gut, aber ich tat, was ich konnte. Ich baute ein paar Mal  Mist, war nicht ideal konzentriert, fluchte und schimpfte und schrie. Er hielt mich aus und war da. Ich holperte wenig elegant die letzte Abfahrt hinunter. Mir tat alles weh: Die Beine, die Hände, die Füße. Ich hatte Zweifel, große Zweifel an allem: Der Einstellung meines Rades, der Schaltung, den Bremsen, meinen Schuhen. Oh, und meiner Fitness, erst recht meiner Fitness. Vorbereitung?

MTB-Trilogy steht an, und wieder einmal konnte ich, weil die äußeren Umstände so waren und nicht anders, die zur Vorbelastung notwendigen Wettkämpfe im Vorfeld größtenteils nicht bestreiten, war müde, hatte zu wenig Ruhe. Ich will es mir nicht verderben lassen, auch wenn ich weiß, dass ich wieder werde leiden müssen, viele Stunden lang, an mehreren Tagen. Und dennoch langsam sein. Ich hoffe sehr, dass es nicht regnet, denn andernfalls weiß ich nicht, ob es – für mich – zu schaffen ist.

Ein spezielles Phänomen dieses Rennens besteht darin, dass ich ungewohnt rasch allein unterwegs bin. Weil nur die starken Männer dort überhaupt am Start stehen, und sehr wenige sehr starke Frauen. Bis auf mich, die ich wohl verrückt sein muss. Bald nach der Startphase bin ich, wenn ich nicht überziehen möchte, also meist schon abgehängt, hinter mir nur die Fahrer der Endurowertung, die es locker angehen lassen.

Wenn die Landschaft, die Strecke, die Leute nicht so unsagbar wunderbar und speziell wären, all die Angst, den Schmerz, den Schweiß, das Blut, die Tränen bei weitem aufwögen, ich wäre nicht wieder dabei. Ich wünschte nur, ich könnte eines Tages mit einer richtig großen Gruppe anderer Frauen am Start stehen und jeden einzelnen Tag gemeinsam durchleiden und genießen. Bis dahin werde ich wohl Jahr um Jahr die einsame Verrückte sein, die im Schneckentempo für sich unterwegs ist und manchmal vor Erschöpfung und dennoch mit Bedauern das eine oder andere technische Highlight zu fuß überwindet.

Die Nachwehen – Specialized MTB Trilogy 2015

Ich liege herum und langweile mich: Meine Schürfwunde am Schienbein ist derzeit das kleinste Problem. Die tat vor allem beim Auswaschen weh. Langwieriger ist die Entzündung darunter, wohl die Knochenhaut, mit dem Ergebnis, dass ich nicht richtig auftreten kann. Ich komme also kaum ins Bad und zurück. Das nervt, denn wir sind heute noch hier im schönen Broumovsko. Nach dem unglaublich lautstarken und schweren Gewitter, das bald die halbe Nacht dauerte, ist die Luft draußen angenehm abgekühlt und ich würde so gern endlich die Gegend erkunden; aber das ist nicht drin. Stattdessen also lümmle ich auf dem Sofa, lese die neuesten Giro-Rosa-Berichte auf Ella, schaue eine Dokumentation über heimische Gift- und Speisepilze im Tschechischen Fernsehen und lese zur Abwechslung in meinem Buch.

Jakub ist gerade kurz unten bei den Vermietern; auch er hatte die Tage Schmerzen, aber gerade wird es wieder, nachdem er täglich auf der Blackroll und mit ein paar Pilates-, Dehn- und Rückenübungen herumlaboriert hat.

Es ist so friedlich hier und schön; sehr schade, dass wir morgen wieder nach Hause müssen. Ohne die Region näher unter die Lupe gennommen zu haben.

Auch der Marathon am Wochenende wird ausfallen müssen; ich schätze mal, ich darf erst nächste Woche wieder richtig auf’s Rad.

Und vor allem erwartet mich zuhause der große Endspurt. Bis zum Jahresende wird die Post abgehen.

MTB Trilogy 2015

Die Specialized-MTB-Trilogy 2015 ist Geschichte. Wieder einmal dachte ich zwischendurch, “Ich will nicht mehr!”, das gehört wohl dazu. Ebenso, dass ich zwar schon befürchtet hatte, dass es nicht gut laufen würde, dennoch aber gehofft, dem sei so. War’s aber nicht…

Somit habe ich schon beim Prolog – wiewohl ich auf den 10,7 km und 427 hm immerhin 6 Minuten schneller war als im letzten Jahr, naja – auch dieses Jahr wieder gleich gemerkt, dass ich keine Kraft habe. Ansonsten war es aber cool, weil ich fast alles fahren konnte, auch die krassen Geschichten, die mir letztes Jahr noch eine Heidenangst eingejagt hatten. Kleiner Dämpfer war ein Sturz in der ersten Abfahrt, weil völlig unerwartet die Bremse versagte: Im Vorfeld hatte noch alles funktioniert. So musste ich die kommenden Abfahrten etwas zögerlicher nehmen, außerdem dauerte es ein bisschen, bis ich dem Material wieder Vertrauen schenken konnte: Die Bremsleistung war zwar teilweise da, reichte aber bei hohem Tempo nicht aus (dann ging einfach nichts mehr).

Die erste Etappe war dann zwar weniger schlimm als gedacht: Ich konnte mehr fahren, musste weniger zu fuß hoch oder runter steigen, aber ich war extrem langsam unterwegs.

Der zweite Tag war dann der Tiefpunkt: Die Etappe ist flowig, man kann alles fahren, bergauf wie bergab mühelos. Aber ich habe mich von Beginn an furchtbar gefühlt, mir ging es richtig dreckig, und das war frustrierend. Auch die Abfahrten musste ich manchmal langsam machen, einfach weil die Beine das ruppige Terrain nicht mitgemacht haben. Und da ist dann noch das mit dem Bremsen: Meine Hände sind sehr klein, weshalb man die Bremse – bei optimaler Bremskraft – nicht ideal auf mich einstellen kann. Irgendwann habe ich dann keine Kraft im Bremsfinger mehr, und das kann u. U. tatsächlich gefährlich werden. Frustriert und wütend kam ich ins Ziel.

Gestern dann stand mit dem letzten Tag die längste Etappe an, mit schweren Abschnitten und heftigen Anstiegen. Ich beschloss, auch im Hinblick auf die große Hitze, die gestern noch einmal zugenommen hatte, von Beginn an noch einmal langsamer zu fahren: Die Wertung war in meinem Fall ohnehin egal, mir ging es nicht gut, also wollte ich zumindest Strecke, Wetter und das Fahren genießen, soweit es möglich war. Die Sache ging gut auf: Zwar war ich wirklich im Schneckentempo unterwegs, doch kam ich gut durch und musste erst gegen Schluss ein wenig leiden.

Insgesamt gab es in diesem Jahr recht viele Aussteiger. Ich bin 4. von 4 Frauen, das ist nicht toll. Ich bin aber auch 95. von 190 Teilnehmern, von denen wiederum 37 ausgestiegen sind. Somit bin ich sozusagen “so halb zufrieden”.

Fazit der MTB Trilogy ist trotz aller heftigen Belastungen dennoch wieder massiv positiv: Weil  die Organisation toll ist, die Stimmung sehr speziell, familiäre Atmosphäre, engagierte Mitarbeiter, spannende und nette Teilnehmer. Weil die Strecken nirgends, wo ich bisher war, vergleichbar wären. Weil  ich noch nie auf derartigem Gelände unterwegs war, unendlich viel gelernt habe während der bisher ja nur 2 Teilnahmen. Weil  ich zwar jedes Mal an meine Grenzen komme, aber jedes Mal auch ein wenig darüber hinaus gelange. Weil die Region hier wunderschön ist: Abwechslungsreich, idyllisch, landschaftlich reizvoll, aber auch von den Menschen her und dadurch, dass es sich um eine Grenzregion handelt, und man zugleich von Polen als auch von Tschechien einiges zu sehen bekommt. Weil unsere Unterkunft super ist, und die Gastgeberfamilie. Ha, und weil es dort seit diesem Jahr sogar einen eigenen Pool im Garten gibt (zugegebenermaßen ein weniger ausschlaggebender, doch durchaus relevanter Pluspunkt).

Wer Enduro oder MTB Marathon fährt, anspruchsvolles Gelände und tolleTrails erleben möchte, der ist bei MTB Trilogy auf jeden Fall an der richtigen Adresse! So etwas gibt es, zumindest in Deutschland, nicht!

PS: Der Nachteil ist, dass einem die Marathons bei uns danach immer noch langweiliger vorkommen als ohnehin gelegentlich schon.

Teplice nad Metují – MTB Trilogy 2015

Gestern sind wir gemütlich angereist, haben auf dem Hinweg in Prag einen kurzen Stop eingelegt, etwas gegessen und J.s Tante einen Besuch abgestattet. Dann ging’s weiter nach Ostböhmen, also fast bis zum nord-östlichsten Zipfel von Tschechien, direkt an der polnischen Grenze.

Die werden wir im Laufe der nächsten Tage zumindest auf einer Etappe näher kennen lernen, als uns eventuell lieb sein dürfte: Ein Streckenabschnitt, der mir im letzten Jahr unendlich lang erschien, zirkelt auf teils recht anspruchsvollen Pfaden immer wieder zwischen alten weiß-roten Grenzsteinen hindurch.

Das Dorf, in dem wir wohnen, heißt Adršpach und ist unter anderem berühmt für seine Felsenstadt. Viele Leute kommen hierher zum Klettern, man sieht aber auch andauernd Familien, die in dieser wunderschönen Region campen, radfahren, baden oder wandern.

Wir haben uns gefreut, Petr und Lenka mit ihrem (gar nicht mehr so) kleinen Adamek wieder zu sehen, bei denen wir schon im letzten Jahr unter gekommen waren: Es ist seltsam, aber fühlt sich ein bisschen an wie ein Nachhausekommen.

Wir haben außerdem Glück: Die Sonne lacht, es ist warm, tagsüber richtig heiß, und soll vorerst auch so bleiben.

Gestern haben wir noch eingekauft und waren dann froh, als ein langer Anreisetag zuende ging und wir uns endlich ausruhen durften. Heute früh dann haben wir uns ein bisschen weiter eingerichtet, die Räder fertig gemacht, gefrühstückt, und sind dann – aufgrund meiner Wenigkeit hat es mal wieder etwas länger gedauert, bis wir tatsächlich unterwegs waren – sind wir an den Start des Prologs gefahren, um die Strecke anschauen zu gehen. Wir gingen einfach mal davon aus, dass es dieselbe sein wird wie im letzten Jahr, und da wir später auch anderen Fahrern begegneten, stehen wir damit nicht alleine da.

Das Rennen besteht aus einem kurzen Prolog (morgen) und 3 langen Etappen an den darauffolgenden Tagen.

Der Prolog hatte mir im letzten Jahr bereits den Zahn gezogen, bzw. der Vortag: Wir waren, allerdings bei Regen, ebenfalls die damals bereits markierte Strecke abgefahren, und ich von Beginn an komplett überfordert gewesen. In diesem Jahr war die Strecke erstens trocken, zweitens war ich schon in den Wochen zuvor nicht fit gewesen, drittens außerdem wusste ich nicht, was auf mich zukommen würde. All das war dieses Mal anders, und somit hatten wir einen guten Tag:

Wir radelten also gemütlich die Strecke ab, das sind nur relativ wenige Kilometer, aber fast 600 hm, außerdem mehr und deutlich heftigere technische Stellen als sonst mehrere MTB-Marathons zusammen haben, und zwar solche von der anspruchsvolleren Sorte. Und nein, ich übertreibe nicht.

Da wir heute Zeit hatten, konnten wir einiges mehrfach fahren bzw. ich mehrfach versuchen, bis ich mich endlich getraut habe. An ein paar Stellen ging es mir so, dass ich anfangs einfach nicht hineinfahren konnte. Anderes lief nicht richtig bzw. oft ist es so, dass man, wenn man ein klein wenig falsch fährt – die falsche Linie wählt, zu schnell ist oder auch zu langsam -, dass es dann nicht klappt. Viele Schlüsselstellen habe ich irgendwie geschafft, wenn auch nicht schön: Spitzkehren, Absätze, kurze steile Rampen. An manchen Stellen wiederum weiß ich nicht sicher, ob ich es morgen fahren werde, oder richtig fahren werde. Vielleicht muss ich den Fuß ein paar Mal kurz absetzen. Aber das macht nichts. Der  Prolog nämlich ist die erste Feuerprobe, schwierig, technisch und physisch anspruchsvoll von Anfang bis Ende. Und auch wenn es anderen leicht fällt, wenn manch einer nach dem morgigen Rennen nicht so kaputt sein wird wie ich heute nach dem “Einrollen”, wird jedes Stückchen, dass ich gefahren bin oder auch nur versucht habe, ein kleiner Sieg sein. Für mich ganz persönlich.

Und wenn ich morgen noch am Ende des Prologs nicht kaputt bin und für die folgenden 3 Etappen auf gleichem Niveau, aber mit einem Vielfachen an Kilo- und Höhenmetern noch etwas Kraft bleibt, bin ich schon besser dran als im letzten Jahr. Der heutige Tag zumindest war schon viel schöner und erfreulicher…

Eben noch war ich im Pool, um meinen Beinen ein kleines Eisbad zu gönnen. Das tat echt gut. Jakub schraubt derweil mit Petr an seinem Rad: Er hat Probleme mit der Kurbel, um die ich ihn nicht beneide.

 

 

eBay, dicke Beine und Marmelade

Ich hatte mich hinlegen wollen. Weil ich seit Tagen müde bin. Und seit Tagen – erfolglos – mehr hatte schlafen wollen. Oder einen Mittagsschlaf halten, was ebenfalls nicht geklappt hat. Und auch heute wieder nicht. Aus Gründen.

Endlich habe ich es geschafft, die vor Monaten schon massenweise aussortierten nicht mehr benötigten (vor allem Rad-)Sachen zu ver-eBayen. Und nun gehe ich Tag für Tag auf die Post und gebe Päckchen auf. Man gewöhnt sich dran, und es ist ein gutes Gefühl, eins ums  andere los zu werden.

Gestern gab’s dann günstig Erdbeeren, und Pfirsiche. Ich habe zugeschlagen und koche den ganzen Mittag schon Marmelade: Pfirsich-Banane-Erdbeer, Erdbeer-Kiwi, Johannisbeer-Himbeer, …. wilde Mischungen aus alledem. Ich habe ein Faible für Experimente, was Marmelade angeht. Eine Reihe nach der anderen stehen sie auf der Arbeitsplatte, wohl sortiert, damit ich den Überblick bewahre, was worin ist. Und wenn sie abgekühlt sind, werde ich seelig und zufrieden Etiketten kleben.

Gleich noch möchte ich die Beine locker fahren gehen, bzw. ich hoffe, dass sie das werden. Gestern bin ich die Strecke abgefahren für das Rennen am kommenden Sonntag. “Es ist eine schöne Strecke,” habe ich danach zu meinem Freund gesagt, “aber nicht zum Rennen fahren.” Zumindest nicht mit meinen Beinen. Er sieht das nicht so, und ich werde das Beste draus machen. Wie schon gesagt, es ist eine schöne Strecke. Ansonsten ein Experiment oder vielmehr eine Gelegenheit, die ich nutze, wo das besagte (Straßen-)Rennen in der Nähe ausgetragen wird. Also fahre ich mit.

Und nächste Woche, ja, nächste Woche geht es nach Tschechien! Ins idyllische Adrspach, wo wir auch in diesem Jahr am MTB-Trilogy-Rennen teilnehmen werden, Jakub und ich: Ein Prolog, der es in sich hat, gefolgt von drei Etappen, eine härter als die andere. Wer die erste der drei geschafft hat, hat schon sehr viel geschafft. Ich will in diesem Jahr aber zudem auch Spaß haben. Auch wenn es sehr hart werden wird für mich; ich wohl vom ersten Moment an fahrtechnisch und von der Ausdauer und Kraft her an meine äußersten Grenzen stoßen werde. Das schreibe ich, weil ich mich daruaf einstellen möchte. Zudem aber will ich dieses Jahr Spaß haben, trotz der Grenzen, trotz des Langsamseins, meiner Unzulänglichkeiten. Hinnehmen und weiter.

Nach Tschechien wiederum folgt der Hardcoreteil meiner Abschlussarbeit. Der nicht unerhebliche Rest. So war das geplant und so wird es laufen.

Meilenstein um Meilenstein.

Specialized MTB Trilogy 2014

Das Rennen begann mit einem Prolog: Einzelstart alle 30 Sekunden, Trailanteil bei gut 90 %, sehr schwierige Trails, für mich teils nicht fahrbar. Zu meiner Verteidigung: Für fast alle zumindest teilweise nicht fahrbar. Nur um die 10 km, dabei etwa 440 hm. Am Vortag bei strömendem Regen sah all das furchtbar aus. Ich dachte, ich fahre es nicht. Ich dachte, ich trete erstmals ein Rennen nicht an. Am Renntag dann hatte ich überhaupt keine Kraft. So schwach habe ich mich wohl noch nie gefühlt. So unkoordiniert saß ich wohl seit Anfängertage nicht mehr auf dem Rad. So lange kam mir die gute Stunde, die ich letztlich tatsächlich brauchte, noch nie vor auf dem Rad. Aber ich konnte mehr fahren als gedacht. Und ich kam ins Ziel.

Am Folgetag dann war ich sehr müde. Eine sehr lange Etappe stand jedoch ins Haus, die schwierigste außerdem. Weit über 3000 hm auf um die 80 km, Trailanteil wiederum bei um die 80 %, extrem schwierige, extrem steile Stellen. Viel zu laufen für mich, das kannte ich nicht. Nicht laufen, klettern mit Rad, ohne Halt. Nicht einfach. Kaputt schon von Anfang an. Nach 3 Stunden blieb der Puls in der Grundlage, von da ab ging er nicht  mehr hoch, auch auf den folgenden beiden Etappen nicht mehr. Ich war wohl 7 Stunden unterwegs, hatte Krämpfe, im Bein und in der Hand. Wie verrückt, in der Hand! Ich hatte keinen Spaß an diesem Tag, konnte auch einfachere Trails nicht mehr fahren, weil ich nicht klar denken konnte, kaputt war. Ich weinte bei der Verpflegung, bei der Halbzeit war: “Endlich!” einerseits, aber auch: “Wie soll ich den Rest bloß schaffen?!”. Ich war wütend, ich ging viel, weil ich mir nicht mehr trauen konnte. Ich kam an. Ich beschloss, nicht an den folgenden Tag zu denken.

Der Abend war schwierig: Erstmals alles organisieren: Wenig Zeit zum Duschen, Rad säubern, Essen, Massage, alles Richten für den nächsten Tag, herunterfahren, Schlafen. Sehr schlecht schlafen.

Dann Aufstehen, Etappe 2, Tag 3. So kaputt. Aber das geht, du wirst es sehen. Also glaube ich und zieh’ mich an, steig’ auf’s Rad. Die halbe Stunde Weg zum Start eine Qual. Der Start der reine Horror: “Wie überleb’ ich das?!” Der erste Trail endlos, nicht fahrbar: Stau, alle steigen ab, nasse Wurzeln, holprige Stellen schmerzen. Die Beine schmerzen, der Kopf so langsam. Ich schaffe das nicht. Dann Ruhe. Ich will ja ankommen. Ich will genießen. Ich will nicht nur leiden. Langsam werden die Beine locker. Schnell geht nicht, das Herz schlägt langsam, Kraft ist keine da. Also langsam. Dann komme ich eben wieder abends an. Die 2. Etappe außerdem fahrbar, haben alle gesagt. Also fahre ich. Die ersten beiden Abfahrten zögerlich, weil die Beine den Schlägen kaum standhalten wollen. Schreckmoment, als ich über eine vermeintliche Kuppe aus einem Kessel fahren will, im Wald, mich Wanderer rufend aufhalten. Ich merke, dass ich nur rechts aus dem Kessel fahren kann, dass ich links über die Kuppe direkt im Abgrund gelandet wäre. Keine Markierung, keine Warnschilder. “Pass gefälligst auf.”, denke ich und fahre weiter. Langsam kommt der Spaß. Uralte riesige Kopfsteinpflastersteine rütteln mich durch, lange Abfahrt, später auch Anstiege über diese grob behauenen Ungetüme. Ob die Römer die hinterlassen haben? So alt sehen sie aus, so urtümlich. Geniale Abfahrten auf dieser Etappe. Nicht ganz so lang, nicht ganz so viele Höhenmeter. Ich brauche auch ein wenig kürzer, aber nicht viel. Ich bin immer noch unglaublich schwach, kann aber bergauf wie bergab eigentlich alles fahren. Steige nur 1- 2 x ab, weil die Kraft nicht da ist. Komme müde, aber ruhig an am Abend.

Die 3. Etappe dann, der 4. Tag, bin ich gewiss, dass ich es schaffen werde, weiß aber auch, dass ich werde leiden müssen. Lange und hart wird die Etappe, ein paar Abfahrten wirst du laufen müssen, die laufen fast alle, ein oder zwei Stellen für Lebensmüde, wo selbst hartgesottene Endurofahrer großteils zu fuß gehen. Ich fahre sonst alles, aber unglaublich langsam. Trotzdem, Tempo akzeptiert, Rhythmus hat sich gefunden. Ich rolle. Teils so einsam für mich, dass ich denke, ich bin der letzte Mensch. Dass ich fürchte, man habe mich sicherlich in die Irre geleitet und ich werde für immer allein für mich in Polen dahinfahren müssen, niemals das Ziel erreichen. Manchmal muss ich vor Erschöpfung weinen. Das ist seltsam. Nach der letzten Verpflegung liegen die meisten Höhenmeter hinter mir, sind nur noch gut 20 km über machbare Trails zu fahren, teils auch Schotterpisten. Das schaffe ich. Im Ziel darfst Du weinen, sage ich mir. Und da gibt es auch kein Halten mehr. Ich bin so kaputt. Ich weine. Ich bin rechtzeitig für die Massage im Ziel, gehe duschen, genieße auch heute die Massage, die mir Tag für Tag eine unersetzliche Wohltag war.

Da waren noch viel mehr hinter mir als ich mir vorstellen kann, erfahre ich später. Und dass andere ausgestiegen sind. Schon am Prolog waren viele gar nicht angetreten, wurde Name um Name umsonst aufgerufen. 169 Fahrer kamen ins Ziel, 23 nicht. Von insgesamt 16 Frauen kamen 14 ins Ziel, davon 8 vor mir.

Sehr heftig wird es, wenn man die Zeit betrachtet: Der schnellste Mann war knapp 13 Stunden unterwegs, die schnellste Frau hat schon knappe 17 Stunden gebraucht, ich war  beinah’ 24 unterwegs, die langsamste Frau fast 30, der langsamste Fahrer überhaupt ganze 32 Stunden.

Die krassen Varianzen erklären sich erstens aus der Kraft/Ausdauer: Wer stark war, konnte nicht nur die steilen Anstiege und auch flachen Stellen viel, viel schneller fahren, sondern auch überhaupt mehr fahren, kam nach Laufpassagen besser in den Tritt und konnte die extremen Steilrampen fahren, die die übrigen gehen mussten.

Hinzu kam die technische Komponente: Wer exzellent bergab fuhr und auf technischen Passagen bergab, bergauf und im flachen Terrain, derer es viele gab, Tempo machen konnte, sparte sich darüber hinaus noch die teils elendig langen Kletterpassagen und konnte so auf einer einzige Abfahrt bereits viele Minuten gut machen.

 

<< Jak na nový rok, tak po celý rok! >>

Jak na nový rok, tak po celý rok! – Diesen Satz habe ich über Silvester in Tschechien gelernt: “Wie an Neujahr, so durch das ganze Jahr.”, könnte man es etwa übersetzen. Das erklärt, warum sehr viele Tschechen – ich war überrascht, wie viele – trotz ausführlicher Silvesterfeierei am nächsten Morgen aufstehen, um eine Wanderung zu machen. Das Wetter war nicht gerade traumhaft, neblig-feucht und dementsprechend nasskalt. Nichtsdestotrotz schien ganz Tschechien auf den Beinen, überall auf den Straßen und Wegen waren ganze Familien samt Kind und Kegel unterwegs.

Wir selbst hatten eine Fahrt auf den Ještěd geplant, den Hausberg der nahen Stadt Liberec. Ich hatte so meine Zweifel: Silvester gefeiert, wenige Stunden geschlafen, am Vortag ebenfalls wenig geschlafen, früh aufgestanden, die lange Anreise, kürzlich krank gewesen, noch Muskelkater vom Studiotraining, eine gefühlte Ewigkeit keine Berge mehr gefahren. Beste Voraussetzungen also….

Rasch stellte sich heraus, dass die Crosser die richtige Wahl waren: Die Radwege in Tschechien sind bestens ausgeschildert, besser als mancherorts die Autobahnen. Es empfiehlt sich aber, geländegängige Räder unter dem Hintern zu haben.

Mir war klar, dass es hart werden würde: Schon die ersten Anstiege liefen zwar, fühlten sich aber nicht besonders angenehm an. Die ideale Ablenkung hatte ich durch die geniale Strecke, wunderschöne Ausblicke, tolle alte Häuser: Unglaublich viel zu sehen! Am Fuß des Ještěd schließlich standen uns über 7 km steter Bergauffahrt bevor, dabei wurde es immer steiler. Je höher wir kamen, desto kälter und windiger wurde es. Mein Freund hatte mich früh schon abgehängt, ich fuhr mein Tempo und hoffte das Beste. Oben war der Nebel sehr dicht, es lang Schnee, der Wind pfiff und ich war einfach nur müde. Ich wollte nicht anhalten und erst recht nicht aufgeben, musste mich auf dem immer engeren Weg durch die Fußgängermenge schlängeln und legte die letzten paar Kilometer buchstäblich im Schneckentempo zurück, drückte mich aus dem Rücken heraus und wirklich wenig elegant die Steigung hinauf.

Die Abfahrt war kalt, aber schön, doch selbst Anstiege von wenigen hundert Metern fielen mir auf dem Rückweg immer schwerer: Ich war leer, und zwar komplett. Zuhause in der chalupa tat die heiße Dusche gut und ich genoß es, vor dem heimelig warmen Ofen auszuruhen.

Hoffentlich darf ich bald in besserer Verfassung nochmals auf den Ještěd, und bei besserem Wetter! Wir hatten keinerlei Aussicht.

Jak na nový rok, tak po celý rok!

Bilder hier.